Startseite > Öffentlichkeit, Fragment(arisches), Medien, Semantik, Sprache > Von der unseriösen Seriösität

Von der unseriösen Seriösität

Man kennt sie, die hier und dort, mal energisch oder lakonisch, mal statirisch oder melancholisch artikulierten Bedenken und Wertungen von Mitmenschen, dass diese oder jene Individuen, diverse Institutionen oder Organisationen sowie mancherlei Medien qua status unseriös seien. Aber was ist dieses Unseriöse eigentlich? Kann man es fassen? Hat es einen Wesenskern? Oder ist es vielleicht nur (noch) eine Worthülse? Wer oder was lässt einen Inhalt unseriös erscheinen? Wie kommt es, dass man einem institutionellem Gebilde -per se- attestiert, dass es seriös/unseriös wäre?

Das Wort seriös, das aus dem frz. stammt, aber auch auf das lat. serius bzw. mlat. seriosus fußt, bedeutet, dass etwas/jemand ernsthaft, [vertrauens]würdig sei. Es müsste also ein Vertrauensverhältnis zwischen A und B bestehen; zudem müsste(n) sich A oder B, oder A und B als würdig erweisen, um als seriöswahrgenommen werden zu können. Und letztlich sollte auch ein Hauch oder Strauch an Ernsthaftigkeit von A oder B oder von beiden verkörpert werden. Wenn wir es noch ein wenig pathetisch(er) verorten wollen, dann bemächtigen wir uns noch des Dudens und erweitern die Bedeutung noch um hehre Attribute wie tugendhaft, wahrhaftig oder authentisch.

#1

Nicht wenige werden vermutlich der Springer-Presse, vornehmlich in Morphe der BILD, attestieren wollen, dass diese gewiss unseriös sei und dass das einstig liberalste Blatt Europas, DIE ZEIT, mit an Sicherheit grenzender Absolution seriös ist. Aber schon an einem ganz simplen Umstand müsste man hier Fragen aufwerfen, denn während man die ZEIT als Reputations- und Zitatequelle in einer sozialen Schicht A oder als Individium des Typs B bemüht, bemüht man die BILD als Reputations- und Zitatequelle in der sozialen Schicht C bzw. als Individum des Typs D. Vorgemachte Vereinfachung soll nur Anschauungszwecken dienen; es ist klar, dass es unzählige soziale Schichten, Typen von Individuen und Medien gibt. (Anm: Es soll an dieser Stelle jetzt auch keine Verortung von Reputation erfolgen; dies würde den Rahmen hier sprengen.)

Gemein ist beiden Schichten/Typen, dass sie implizit den jeweiligem Medium vertrauen. Aber warum sollte man nun eigentlich nur jenen, die (im Bsp.) der ZEIT vertrauen, attestieren, dass sie bzw. das Medium seriös sind -man berücksichtige immer auch die Wechselwirkung zwischen beiden- und jenen, die der BILD vertrauen bzw. die BILD als solches als unseriös verorten? Folgt diese Verortung nicht ein wenig dem Schema Schwarz/Weiß? Ist dies zweckmässig? Zulässig mag es sein. Die persönliche Wertung, dass Informationen, die man aus einem Medium rezipiert, qua status als seriös/unseriös bezeichnet werden können, erscheint unter diesem Gesichtspunkt doch ein wenig vage, denn ist es nicht so, dass diese Subsumierung nach dem Prinzip sozialer Kontextuierung und Hierarchisierung erfolgt? Sprache versucht ja im Allgemeinen immer den größtmöglichen Nenner abzubilden Werden von daher vielleicht Semantiken kolonialisiert? Durch Verschiebung ihrerselbst von eher denotativ verorteten und allgemein gültigen Bedeutungen hin zu eher konnotativ verorteten, die dann einseitigere Lesarten spiegeln würden – im Bsp. also seriös eher nur unter dem Gesichtspunkt des Bildungsbürgerlichen deuten, das andere Inhalte, die nicht so wichtig und würdig sind, dann abwertet bzw. ihnen das Vertrauen entzieht.

#2

Warum gelten z.B. Arte und Phönix (bei vielen) per se als seriös? Ist es nicht das gleiche System, das hier greift, also eher eine Betrachtung/Wahrnehmung aus der jeweiligen sozialen, kulturellen und geistigen Dispostion und Konstitution heraus? Ist dies nicht ein Dilemma, dass sich im Zuge der sprachlichen Nutzung und Verortung nicht selten herausstellt, dass man sie falsch, psychologisch fehlleitend oder unsachgemäß verwendet (hat), obwohl man sie scheinbar korrekt gebraucht (hat)? Wer gibt die Kontexte, die Konnotativa des sprachlichen Wirkens denn vor? Dies geschieht doch i.d.R. durch den Gebrauch der Sprache durch alle Schichten. Wenn dies aber so ist, dann gibt es doch aber sicher auch genügend, die Arte und Phönix nicht als seriös verorten und dafür Vox oder RTL II eher mit dem Seriösem verbinden. Kann man diese vollumfängliche Attribuierung (für ein Medium, hier einen TV-Sender) überhaupt seriös machen? Wenn z.B. die  dctp auf Vox, RTL oder Sat.1 ihre Programme zeigt, negiert sich dann nicht schon allein die Behauptung, dass diese Medien per se unseriös sind?
#3
Oder bedenken wir, wie bedenkenlos schnell viele Menschen jemanden der in einer Bank arbeitet und als Berater im Anzug daherkommt, das Attribut seriös zuschreiben. Zugleich dürfte er auch noch als vertrauensvoll gelten, da er ja in einer Bank arbeitet. Wohingegen sicher nicht wenige einen Berater, der in Bermuda-Shorts und Strohut seine Beratung anbieten würde, als eher unseriös verorten würden; trotz, dass er in einer Bank arbeitet – das System Bank, das wiederum für viele per se als Garant für Vertrauen steht, wirkt hier (auch) anders, als im Falle des Repräsentanten im Anzug. Nicht anders würde es sich mit einem Manager einer beliebigen Firma während eines Meetings verhalten, bei dem es um „Ernsthaftes“ geht; in diesem Outfit wirkt er so, in jenem so…  

Gemein ist beiden „Berater-Typen“, dass sie die Attribuierung seriös/unseriös i.d.R. schon erhalten, ehe sich überhaupt der konditionale Prozess des Bildens von Vertrauen entwickeln kann. Das inflationäre Verwenden von solcherart Vorschusslorbeeren durch meist bewussten Fehlgebrauch im Sinne von konnotativen Zuweisungen mit verzerrten, unscharfen Bedeutungen ist methodisch expressis verbis unseriös, denn es schafft weder Vertrauen, noch ist es würdig, noch kann man ihm ernsthafte Absichten bescheinigen.

Welche Überlegungen, Anregungen, vielleicht Schlüsse könnte man aus den skizzierten Beispielen nun machen? Sprache ist etwas Organisches, etwas, das sich stets verändert. Dies bedingt auch, dass sich ihre Bedeutung verändern kann. Aber ein neuralgischer Punkt hierbei ist, dass man Bedeutungen nicht so verschieben sollte, dass das Allgemeingültige, das Konsensbildende verloren geht bzw. kaum mehr erkennbar ist. Es scheint problematisch, Attribuierungen auf Systeme „auszuweiten“, denn diese haben immer Wechselwirkungen und sind damit unschärfer zu fassen. Der Blickwinkel, aus welchem man Sprache gebraucht, kann ihre Wirkung nicht nur beeinflussen, er kann sich verzerren.

Müsste man nicht wieder eine schärfere Trennung in der Sprache anstreben? Sind Vermischungen verschiedener Nomenklaturensysteme tatsächlich ein Gewinn für das Allgemeine, für das Verständliche? Benutzt die Nomenklatura ihre Nomenklatura als Mittel zum Zweck? Warum wird es immer schwieriger, das Fundament eines Rechtsstaates, zu erfassen bzw. zu verstehen? Liegt dies wirklich „nur“ an den (auch) immer komplexer werdenden Systemen und Verhältnissen? Hat nicht auch die dortige Nomenklatur maßgeblichen Einfluss darauf?

Maßgeblich für die Konstituierung und das organische Wachsen eines Gemeinwesens, das jeder (Rechts)Staat unabdingbar benötigt, um sich entwickeln zu können, ist Öffentlichkeit. Und diese Öffentlichkeit, die wird zu großen Teilen über Leitmedien wie Fernsehen, Radio und Zeitungen (sowie exponentiell steigend via WEB) hergestellt. Allen Medien gemein ist der Gebrauch von Sprache. Dass genau hier einer der Kernpunkte liegt, liegt auf der Hand, denn die Sprache, die man medial transportiert und transponiert die vermag es ja erst, diese Öffentlichkeit(en) zu kanalisieren. Von daher ist es elementar, dass die Schaffung von Öffentlichkeit expressis verbis seriös fundiert ist. Dass man derzeit sehr inständig daran glaubt, dass man Rettung (von Staaten, Banken etc.) mit Geld erreichen kann, zeigt ja nur auf groteskeste Weise, wie wenig Vertrauen, also wie wenig Seriösität derzeit herrscht. Ist dies Zufall? Wie sprechen Regierungen zu ihren Völkern? Sprechen sie überhaupt, oder reden sie nur? Konstituiert sich das politische System maßgeblich im Mantel der Würde? Genau die wäre es doch, die, expressis verbis, das Seriöse charakterisieren würde…

Infos zu diesem Fragment:
Bullshit-Index:  0.22
( http://www.blablameter.de )
Angeblich verfasst im Schreibstil von:  Sigmund Freud
( http://www.faz.net/f30/aktuell/WriteLike.aspx )
Advertisements
  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: