Startseite > Hommage, Sprache, ZDF > In memoriam: Günter Gaus

In memoriam: Günter Gaus

Ich möchte an diesem Tag an eine Persönlichkeit erinnern, die mich geprägt hat, wie kaum eine zweite im Rahmen meines Lernens über das, was ein Gespräch auszeichnet bzw. was es transportieren soll(te): Günter Gaus. Heute vor 8 Jahren verstarb er leider viel zu früh und hinterließ -sicher nicht nur bei mir- eine Lücke in der medialen Wahrnehmung der Gesprächskultur, die in meinen Augen nie (wieder) geschlossen werden konnte und vielleicht auch auf absehbare Zeit kaum mehr geschlossen werden kann.

Als Gaus im April 1963, also vor fast 50 Jahren, mit seiner Sendereihe „Zur Person“ im ZDF auf Sendung ging, da konnte wohl niemand ahnen, wie nachhaltig, wie lebendig er das Genre des Gesprächs im Medium TV verändern würde. Ich möchte mir an dieser Stelle denn auch große, ausufernde Worte ersparen, denn sie waren weder seine Sache, noch könnten sie überhaupt das beschreiben, was er mir bedeutet. Alljährlich gedenke ich still an diesem Tag dem für mich mit Abstand besten Interviewer, den das (deutsche) TV jemals hervorgebracht hat.

Wenn man berücksichtigt, wie die Dramaturgien heutiger Interviews und Gesprächsrunden mit ihren geskripteten Fragen, die vorher alle gegengeprüft worden sind und die kaum mehr das Moment des wahrhaft (nach)denkenden Menschen zu zeigen vermögen, abgespult werden, dann sehnt mir nach einer Instanz, die beharrlich, aber mit Respekt, die vorbereitet, aber dramaturgisch frei, die kontextsensitiv und empathisch eine Atmosphäre zu schaffen vermag, in der man sich auf Augenhöhe begegnet und die (auch) sokratisch nach dem Neuen sucht, während Fäden gesponnen werden bzw. diese aufgegriffen werden… dann sehnt mir nach einer Instanz, die zwischen den Zeilen zu lesen und zuhören zu vermag, die artikuliert, was mit Worten (manchmal) kaum gesagt werden kann, aber was in den Gesichtern des Gesprächspartner doch (auch) geschrieben steht – ohne sie bloßzustellen.

Lieber Günter Gaus, ich wünschte mir, dass das ZDF all seine unter dem Label „TV-Talk“ laufenden Formate einmal für einen Monat einstellen würde und dass dafür Wiederholungen Ihrer Sendungen gezeigt würden. Es wäre keine Vermessenheit, wenn man die These aufstellen würde, dass diese mehr Inhalt und Substanz hätten, als das Nihil der derzeit dort gezeigten Sprechblasenrunden mit Model(l)-Charakter an Inszenierungen. Erlauben Sie mir daher eine letzte Frage: Wäre es wirklich in Ihrem Sinne gewesen, dass scheinbar niemand mehr diese Schätze der Gesprächskultur vollumfänglich wahrnehmen kann? Eben dieses ZDF wiederholt zwar nahezu jeden Firlefanz und stellt (gefühlt) jede noch so große Banalität in seiner Mediathek zur Schau, aber wahre Kunstfertigkeiten werden nicht mehr abgebildet und öffentlich zugänglich gemacht. Schade, sehr schade, wie ich finde! Aber ich bin unendlich glücklich, dass es Sie gab und dass ich so viel von Ihnen lernen konnte …

Advertisements
Kategorien:Hommage, Sprache, ZDF
  1. 19. Mai 2012 um 19:00

    Irgendwie ist es merkwürdig und gleichzeitig beängstigend, dass mir so viele Dinge zu entgehen scheinen, dass mir so viele Dinge unbekannt bleiben könnten. Irgendwie sind Namen in meinem Leben tatsächlich Schall und Rauch, setzen sich nur schwer in meinen Hirnwindungen fest, oder nur wenn sie mit sehr eindrücklichen Bildern verknüpft sind.
    Über diesen Umweg hier ist das nun geschehen.
    Ich mag die Bilder, die der Simmel gemalt hat, soweit sie mir bekannt sind… Das Interview das Gaus mit ihm führte ist hier nachzulesen, wie auch alle anderen Interviews – zumindest das.

    http://www.rbb-online.de/zurperson/interview_archiv/simmel_johannes_mario.html

    Somit ist der Name Günter Gaus nun fest verknüpft und verankert.
    Sollte die Interview – Reihe mal im Fernsehen o.ä. zu sehen sein, vergiss nicht bescheid zu geben… :-)

    http://www.rbb-online.de/zurperson/index.html

  2. 20. Mai 2012 um 17:30

    Mir ist die kleine „Präsenz“ der Reihe „Zur Person“ auf rbb-online natürlich bekannt gewesen; leider werden aber nur ein paar Dutzend der Interviews angeboten.

    Was mir fehlt, ist die Atmosphäre der Interviews; diese wurde z.B. durch die perfekte Kameraführung [besonders in den frühen Jahren], als auch durch das Timbre und die Intonationen sowohl von Gaus als auch von seinen Gästen „erzeugt“. Neben vielen anderen Aspekten, die hierzu auch noch beitrugen [Körpersprache i.A., Mimik, Gestik i.B. usw.] – All das kann der bloße Text nicht abbilden. Wer z.B. das Interview mit Gustaf Gründgens oder Hannah Arendt [der großartigen Denkerin für pol. Theorie] nur liest, dem fehlt mind. die Hälfte an Wirkung und Wahrnehmung, die man im Interview aufnehmen kann… Lange Rede, kurzer Sinn: Gaus‘ Interviews muss man sehen! ;-)

    Die meisten seiner Interviews liegen übrigens in den Düsseldorfer Achiven der dctp von Alexander Kluge. Ich hatte ja mal die dctp kontaktiert und angefragt, ob man nicht die Interviews „senden“ könnte; als Themenschleife im WEB-Angebot der dctp. Damals ließ mir A. Kluge ausrichten, dass er die Idee großartig fände und darüber nachdenken würde, dies evtl. zu realisieren. Ich war ja damals begeistert, dass ich eine derartige Antwort bekam… Ich denke aber, dass die dctp dann doch sicher anderes (wichtigeres) zu tun hat(te) und dass diese Idee vielleicht doch wieder verworfen worden ist. Ich werde aber mal dort nachfragen, was daraus geworden ist. Gaus hat im Übrigen mehr als 250 Interviews geführt…

    Und ja, wenn die Sendereihe irgendwo auftauchen sollte, dann informiere ich Dich. Ich habe zwar keinen Fernseher, aber wenn ich diesbezüglich etwas wahrnehme, dann gebe ich Bescheid…

  3. 31. Mai 2012 um 16:36

    Herr Gaus ist mir zwar zu zahm, aber was für ein Unterschied zu heutigen Formaten. Kein Lophudeln, kein Niedermachen, Respekt für den Gesprächspartner aber nicht unbedingt für die Sache, die er vertritt. Ich bin nicht schnell bei der Hand mit Superlativen aber seine Sendungen waren auch zu seiner Zeit Sternstunden des Journalismus.

  4. 31. Mai 2012 um 16:49

    Nachtrag. Leider hatt er eben nicht „nachhaltig, wie lebendig er das Genre des Gesprächs im Medium TV“ verändert sondern war eine singuläre Erscheinung.

  5. 31. Mai 2012 um 17:53

    Ja, dass man Gaus als zu zahm bezeichnet, kann ich nachvollziehen. Eine Mischung aus Michel Friedman und Günter Gaus wäre ja was gewesen ;-) — Das meine ich durchaus ernst, denn entgegen der langläufigen Meinung, dass Friedmann nahezu allen NICHT gefällt, sehe ich in ihm genau tlw. das verkörpert, was ich meine, dass Du vielleicht denkst, dass es Gaus „gefehlt“ hat: Das dezidierte Nachfragen (vor allem in der Sache) und die Ablehnung von Phrasen an sich. Aber er ist natürlich -im Vergleich zu Gaus- um Dimensionen zu eitel und zu vordergründig in seiner Person. Da ziehe ich dann doch Gaus deutlich vor.

    Dass der NICHT nachhaltig das Genre verändert hätte, sehe ich dann aber doch anders. Zum einen ist er -nach wie vor- im Bewusstsein geblieben; dies kann man nicht für so viele in Anspruch nehmen. Zum anderen orientieren sich durchaus einige an ihm und sind damit so schlecht gar nicht gefahren, auch wenn sie ihren eigenen Stil noch „ergänzten“. Gero von Boehm oder Gabriele von Arnim sind durchaus mit ihren Formaten im Gaus’chen SInne lebendige Auswirkungen, wie ich finde. Und A. Kluge sowieso.

  6. 31. Mai 2012 um 17:59

    Nachtrag:

    Ich erlaube mir die Arroganz, dass ich das, was man heute als Talk bezeichnet, also die Illners, Jauchs, Beckmanns, Plasbergs, Maischbergers usw. NICHT als Vergleichsbasis heranziehe, weil dort NUR(!) geskriptete Fragen gestellt werden; das hat nichts, aber auch gar nichts mit einem Gespräch zu tun, wie es Gaus zu führen vermochte…

  7. 5. Juni 2012 um 09:09

    Reblogged this on Blog des Germanys next Bundeskabinetts und kommentierte:
    Eine schöne Hommage von PóLiS, dem Mohnisterium für Politik, Literatur & Sprache

  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: