Startseite > Ethik, Fragment(arisches), Kapitalismus > Zwischenruf: Kapitalismus reloaded – Was wir wirklich retten sollten

Zwischenruf: Kapitalismus reloaded – Was wir wirklich retten sollten

Die wahre Leitwährung: Vertrauen

Die Krisen unserer Zeit sind mannigfaltig. Wirtschaftskrisen. Finanzkrisen. Kulturkrisen. Gesellschaftskrisen. Sinnkrisen. Als gefühlte Wahrnehmung könnte man attestieren, dass sowohl Anzahl als auch Komplexität der einzelen Krisen stetig zunehmen. Zudem scheinen die Zyklen, in denen sie auftreten und der Grad ihrer Verwobenheit zuzunehmen. Dennoch wäre dieser Befund nicht neu. Er spiegelte nur ein mehr oder weniger normales, organisches IST wider; denn Krisen gehören zum Kapitalismus. Sie sind systembedingt.

Gewiss, Europa stand in dieser Konstellation noch nie in seiner langen geschichtlichen Tradition vor solchen Herausforderungen. Dies wird wohl niemand ernsthaft bestreiten wollen. Ein wesentlicher Aspekt, der immer wieder in diversen Kontexten zu Krisen führt(e), ist und war aber der Verlust von Vertrauen. In Strenge müsste man eigentlich vom Vertrauen als DER Leitwährung schlechthin reden und dem Vertrauen DIE Macht zusprechen, der es gebührt: Die meist ausgeprägte. Es ist DAS konstituierende Element schlechthin. Im Politischen. Im Gesellschaftlichen. Im Kulturellen. Im Wirtschaftlichen.

In Zeiten, in denen man viel und gerne über entfesselte Finanzmärkte redet und schreibt, in denen man die scheinbar endlose Proftgier vieler Unternehmer (zu Recht) an den Pranger stellt, in Zeiten, in denen vielen politischen Institutionen ein Vertrauensverlust bisher nicht gekannten Ausmaßes bescheinigt werden muss [Anm: Das spiegelt sich nicht nur in den nach wie vor sinkenden Wahlbeteiligungen allerorten wider], in diesen Zeiten muss es eine, wenn nicht gar DIE Kernaufgabe sein, dass man das Vertrauen wieder zurückgewinnt bzw. dass man ein neues gedeihen lässt.
.
(Rück)Gewinnung von Vertrauen durch eine Kultur der Transparenz

In den Medien, in Gesprächen miteinander, in diversen Veranstaltungen und nicht zuletzt in künstlerischen Aktionen und Installationen wird seit vielen Jahrzehnten darauf aufmerksam gemacht, dass die realen Wirtschaftsleistungen und ein (organisch dazugehöriger) Geldumlauf signifikant auseinanderdriften. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Wir haben haben uns aber trotz dieser vorhandenen Erkenntnis immer weiter dazu „verpflichtet“, dass wir so weiter machen (wollen). Bisher jedenfalls. Gewiss, es gibt auch „Zwänge“ hierfür. Das soll aber an dieser Stelle nicht der Punkt sein, um den es gehen soll. Es soll auch keine Fokussierung auf den Aspekt erfolgen, dass sich der Reichtum qua status immer mehr konzentriert. Weltweit ist dies zu verzeichnen. Gewiss. Und leider.

Es sollte stattdessen mal darüber nachgedacht werden, ob man nicht mit einer Kultur der vermehrten (wirtschaftlichen) Transparenz im Hinblick auf die Prozesse der Herstellung von materiellen wie immateriellen Gütern etwas bei uns allen im Bewusstsein verankern könnte: Einen verinnerlichten Bezug zum wahren Wert eines Produkts, einer Leistung. Man sollte versuchen, Vertrauen damit zurückgewinnen, indem man nachvollziehbar und bewertbar über jenes in Kenntnis gesetzt wird, was leider häufig eher mit einem Vertrauensverlust belegt ist: Das wahre Wissen um die Höhe der Marge(n), die man aufschlägt, um Gewinne zu generieren. Wir erachten es als geradezu selbstverständlich, dass die Freiheit(en) des Marktes es uns ermöglichen, dass Produkte hergestellt und verkauft sowie Leistungen erbracht werden können, bei denen Gewinne im Prinzip beliebig ausfallen können. Warum eigentlich? Würden wir wirklich noch Produkt A oder B oder C kaufen, oder Leistung D oder E in Anspruch nehmen, wenn wir im Sinne einer kulturell ausgeformten Transparenz wüssten, dass hierbei 70, 100, 200 oder X % Gewinn generiert würden und nur X % davon die reinen Kosten ausmachten? Würden wir nicht beginnen, zu vergleichen, zu überdenken und uns nicht vielleicht auch fragen, ob das alles angemesen ist? Sollte man dies in einem freien Markt nicht mehr hinterfragen? Wir haben doch in vielen anderen Kontexten unseres Lebens auch natürliche Schranken und Schwellen, die unser Miteinander regeln – normativ. Warum nicht bei Gewinnen – im Allgemeinen wie im Besonderen?
.
Ein neues Bewusstsein über Gewinne an Produkten und Leistungen

Wäre es nicht so, dass man sich, wenn man wüsste, was die Gewinnmargen sind, viel mehr mit den Produkten auseinandersetzen würde, ja fast schon müsste? Wir beklagen z.B. zu Recht, dass der Neoliberalismus eine degenerierende Ausprägung der kapitalistischen Wirtschaftsform ist, aber begegnen wir ihm wirklich mit offenen Augen? Erkennen wir beim Kauf des Kühlschranks, Notebooks, Autos, der Einbauküche usw., welche konkrete Form der Herstellung dahinter steckt? Wollen wir es überhaupt erkennen? Oder wollen wir doch nur konsumieren? Gewiss, diese Gedanken mögen unbequem oder auch moralisch sein, auch wenn sie ebenfalls nicht neu sind, aber sie müssen (wieder) dauerhaft ins Bewusstsein gelangen, da hinter allen Produkten eben eine Herstellung steht und mit dieser ein Vertrauen in den Kapitalismus im Besonderen in bezug auf das konkrete Produkt, wie im Allgemeinen in bezug auf das System der Herstellung von Waren an sich, verbunden ist.

Der Umstand, dass man die Profitgier vieler Unternehmen geißelt, hat ja auch damit zu tun, dass wir im Kontext der Herstellung eines Produkts beispielsweise die Verlagerung von Arbeitsplätzen in externe Gebiete zwar wahrnehmen und i.d.R. selten begrüßen, aber zugleich eher selten wissen, wie sich dies effektiv auf die Preisstruktur der Leistung, des Produkts im Sinne der Transparenz auswirkt. Ahnen und Fühlen tun wir es sicher. Auch scheint es eine Chimäre zu sein, dass Verlagerung von Arbeitsplätzen per se immer Kosten sparen würde. Dies wissen wir heute. Aber das würde den Rahmen hier sprengen. Lassen wir diesen Aspekt daher außen vor. Aber eines muss als gesetzt gelten: Es geht ganz klar Vertrauen verloren. In das System. In Unternehmen. Auch in uns.

Ausdrücklich sei an dieser Stelle darauf verwiesen, dass sich auch immateriell generierte Produkte dieser Tranzparenz stellen sollten. Und man möchte einwenden, dass es dort fast noch notwendiger wäre…

Entscheidend sollte sein, dass eine kulturell verankerte Transparenz über Herstellungskosten/Leistungskosten und Gewinne angestrebt wird. Gewiss, Gewinne sind per se nichts Schlechtes; damit dies nicht missverstanden wird. Sie sind notwendig. Um (wieder) investieren zu können. Um innovativ sein zu können. Auch, um als Unternehmer vernünftig leben zu können. Keinen Widerspruch. Betonung aber auf vernünftig. Doch wenn die Systeme so ausgelegt, daß man diese Transparenz nicht oder kaum hat und man weiß, dass z.B. Menschen für Hungerlöhne an der Produktion beteiligt sind, dann schwindet eben auch das Vertrauen in die Herstellung und damit in den Hersteller.

Was wäre so schlimm daran, wenn Unternehmer A für seine Produkte 1, 2 und 3 oder Unternehmer B für seine Leistungen 4 und 5 offenlegt, dieses und jenes Verhältnis von Kosten und Gewinn zu haben? Eigentlich nichts, möchte man meinen. Vielleicht steckte aber ein Unbehagen in ihnen, daß man sie dann ab einem bestimmen Level als (zu) gierig bezeichnen könnte? Das würde sicher so sein. Aber genau DIES wäre es, was anzustreben ist: Ein Rückkoppelungsmechanismus, der sich einer (normativen) Ethik verpflichtet sieht. Einer Ethik, die ein auskömmliches Miteinander einer größtmöglichen Anzahl von Menschen ermöglichen würde. Nicht eine, die nur Teile partizipieren läßt.

Auch wenn das Bestimmen eines normativen Schwellenwertes für Gewinne im Kontext der hier erwähnten Transparenz schwierig ist, so würde diese Maßnahme aber einen erweiterten Bezug zu Produkten und Leistungen ermöglichen und zugleich könnte man damit wieder Vertrauen zurückgewinnen oder auch neu schaffen. Letztliche müsste aber zusammenhängend und systemisch daran gearbeitet werden, dass man verlorenes Vertrauen auf den unterschiedlichsten Terrains wieder erlangt.

Advertisements
  1. 4. September 2012 um 16:30

    Reblogged this on Rund um den Kabinettstisch und kommentierte:
    Wieder einer Deiner philosophisch komplexen Texte. „in diesen Zeiten muss es eine, wenn nicht gar DIE Kernaufgabe sein, dass man das Vertrauen wieder zurückgewinnt bzw. dass man ein neues gedeihen lässt.
    .“ Höchst empfehlenswert!

  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: