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Schavans Gewissensbisse oder Warum der akademische Vertrieb neu justiert werden sollte…

Business as usual

Da schwabbte sie wieder mal über uns herein, die mediale Erregungswelle des prämodernen Internetzeitalter. Losgetreten durch einen Abtrünnling von VroniPlag begann die Welle sich allmählich zu nähren, bis sie als winziger Empörungstsunami dem ein oder anderen Medium das Quotenloch zu füllen schien. Selbst das Leitmedium der Öffentlich-Rechtlichen sah sich im Zugzwang und berichtete in den 20-Uhr-Selektionen über das Anspülen dieser neuen Welle der Erregung im Volk. Die Bundesbildungsministerin, Frau Prof. Dr. Schavan, schien also eindeutig des Plagiierens überführt und das ginge ja nun mal überhaupt nicht: „Eine Betrügerin.“, „Eine Hochstaplerin.“, „Rücktritt!“, wurden laut. Sie wurde in abenteuerlichen Rankings des Plagiierens aufgenommen, sie wurde mit dem Copy-and-Paste-Kaiser zu Guttenberg verglichen, sie wurde mit unzähligen Attributen und Meinungsäußerungen konfrontiert, die mehr oder weniger „nur“ Kritik, Missbilligung oder Unverständnis ausdrückten. Das ist grundsätzlich legitim, aber ob es dem Sachverhalt wirklich gerecht wird, dies muss man zumindest anzweifeln. Warum?

Verfehlte Politik, weniger verfehltes Wissenschaftliches Arbeiten

Weil all die, die sofort „Rücktritt!“ oder „Betrügerin“ skandierten, komischerweise nicht selbigen forderten, als Frau Schavan ihre elitären, neoliberalen Bildungsideale politisch durchsetzte, oder das Einführung von Exzellence-Clustern als Mittel der aggressiven Selektion manifestierte, oder sie die Studiengebühren einführte, sich für deren Ausbau stark machte und unverhohlen das 2-Klassen-Bildungssystem massiv „förderte“. Auch blieben diese Stimmen stumm, als Frau Schavan die Hochschulen, ganz in Anlehung an die neoliberalen Ausbeutungsmuster, immer mehr dazu trieb, dass sie Wissesnschaftler und Lehrende zu Bedingungen einstellen mussten, die man nur noch als Farce bezeichnen kann. Da fand und findet ein Ausverkauf von Forschung und Lehre statt; auf dem Rücken von hochausgebildeteten Menschen. Das Einzige, was Frau Schavan zu aufkommender Kritik bzgl. dieser Generierung eines „Forschungs-Prekariats“ einfiel, war, dass dafür die Länder, in denen die Unis, Hochschulen lägen, selbst zuständig wären. Zynismus in Reinform – mit dem lächelnden Gesicht der Hardlinerin übermittelt.

Bei all diesen Ausverkäufen von Bildung, Forschung und Lehre, da blieben die Stimmen stumm, da gab es kaum Empörung, da skandierte keiner „Verräterin“ oder „Widerstand“ oder „Rücktritt“. Es gab und gibt unzählige Gründe, für die man Frau Schavan hätte einen Rücktritt nahelegen können und müssen; z.B. weil Sie eben keine BUNDES-Bildungspolitik macht, sondern eine SELEKTIONS-Bildungspolitik; aber jenen zu fordern, weil sie -ohne Zweifel- plagiiert hat, ist doch etwas verkürzt gedacht. Aber es ist wohl etwas bequemer und einfacher, sich auf einen schon fahrenden Zug aufzuschwingen und dann mal lauthals die Lieder mitzusummen, die das Fahrgeräusch schon von sich aus macht. Und moralisch zeigt man sowieso immer lieber eher auf andere. Das ist zwar menschlich aber fein ist es eben auch nicht. Fein, wird der ein oder andere jetzt denken, fein war/ist sie ja auch nicht, sie hat plagiiert. Das ist richtig. Keinen Widerspruch. Aber man sollte die Sache (auch) mal analytisch betrachten…

Randnotizen zum Wissenschaftlichen Arbeiten

Das Promotionsverfahren ist etwas Besonderes. Man wird in den Kreis der Wissenschaftler aufgenommen, man wird eben promoviert. Im Promotionsverfahren beweist der Promovend, dass er selbstständig wissenschaftlich Arbeiten/Forschen kann und dabei sowohl formale, als auch ethische Curricula zu berücksichtigen vermag. Da ist nichts Neues. Das ist seit Jahrhunderten so. Und ja, es ist auch gut so, dass diese systemische Komponente (noch) nicht verloren gegangen ist – trotz der massiv zunehmenden Durchökomomisierung im akademischen Betrieb. Was die formalen Kriterien betrifft, so muss man im Rahmen der Dissertation, wie in jeder sonstigen akademischen Arbeit aber auch, dafür Sorge tragen, dass Quellen, die man verwendet, auch als solche zu erkennen sind. Dies muss schon allein aus dem Grund erfolgen, da man erkennen können muss, in welchem Umfang jemand selbst gedacht hat, oder ob er eben einen Bezug zu einer Quelle beleuchtet, oder ob er zitiert, um damit zu diesem oder jenen überzuleiten oder etwas zu belegen, oder etwas zu untermauern usw. Das Verwenden von Quellen ist notwendige und hinreichende Vorraussetzung jedes wissenschaftlichen Arbeitens. Diese werden i.d.R., wie eine Art Netzstruktur, mit den eigenen Erkenntnissen und Ausführungen verwoben und führen dann im „Regelfall“ zu neuen Erkenntnissen. Man kann z.B. Quellen als Thesen verwenden, um dann zu falsifizieren oder damit Untersuchungen beginnen usw… Wenn man all das zuvor Erwähnte nun berücksichtigt und ernst nimmt, dann stellt sich sofort dar, dass die Dissertation Schavans z.B. in KEINEM Fall mit der von zu Guttenberg verglichen werden kann. Zu Guttenberg war es „gelungen“ die Webstruktur so zu perfektionieren, dass er OHNE nennenswertes eigenes Zutun eine Art von Pseudo-Erkenntnissen zu generieren vermochte, die logisch schlüssig und auch kohärent waren, aber die eben NICHT darauf beruhten, dass er (überwiegend) eigenständig zu Erkenntnissen gelangt ist. DAS ist der kleine, aber dramatische Unterschied zwischen Schavan und zu Guttenberg, denn Schavans Diss. lässt sehr wohl erkennen, dass sie eigenständig Dinge und Sachverhalte durchdacht, bewertet und verwoben hat. Daran besteht für mich kein Zweifel. Richtig ist aber auch, dass Schavan Quellen verwendet hat, für die sie KEINE Angabe gemacht hat, oder die sie so verwoben hat, dass der Eindruck entstanden ist/sein kann, es wären ihre eigenen Erkenntnisse. Das ist grundsätzlich -mit Verweis auf die normativen Curricula- nicht einfach so tolerierbar – als Kavaliersdelikt oder „unsauberes“ Arbeiten. Man muss hier schon sehr genau hinschauen.

Das Erkennen und Einordnen von Plagiaten

Schavans Dissertation ist aus dem Jahr 1980. Sie entstammt also einem Zeitalter, in welchem das Internet und seine Möglichkeiten noch unbekannt waren. Die erste Bemerkung, die hierzu gemacht werden muss, ist, dass allzugern die Maßstäbe angelegt werden, die heute das Paradigma bilden. Man sollte also, wenn man fair, objektiv und (auch) wissenschaftlich sein will, die Maßstäbe anlegen, die 1980 das Paradigma verkörperten. Es muss nicht zwingend so sein, dass beide Maßstäbe (1980 und 2012) gleich sind. Wissenschaftiches Arbeiten heißt auch, dass es Veränderungen organisch spiegelt. Ganz allgemein. Der Kanaon dessen, was man heute gemeinhin als Plagiat bezeichnet, entspricht nicht zwingend dem, was 1980 ein Plagiat war. Ein Grundproblem war und ist es immer gewesen, AB WANN man eben von einem Plagiat sprechen kann. Das indirekte Zitieren, in Morphe des Paraphrasierens, ist eben NICHT normativ so geregelt, dass man eine Art Anleitung hätte, nach der man nun wie auf einer Abhakliste feststellen kann, dass diese oder jene Ausprägung dann automatisch als Plagiat überführt werden kann. Zudem sollte man bedenken, dass es sehr wohl (auch) möglich ist, dass man Passagen selbst so verfassen kann, dass diese dann Ähnlichkeiten zu Textstellen haben, die den Eindruck erwecken, dass es Plagiate wären, obwohl es keine sind; einfach weil die Art der Textstrukturen Similaritäen aufweist, die sich durch Kontexte in gewisser Weise „zwangsläufig“ so entwickeln können.

Des Weiteren muss im Kern immer (auch) mitberücksichtigt werden, ob nicht angegebene Quellen wirklich dazu führ(t)en, dass man vorgenommene „Verarbeitungen“ sonst hätte anders bewerten müssen. Wenn also jemand „nur“ auslässt, dass eine Passage von Quelle X stammt, aber darauf aufbauend dieses und jenes gefolgert hat, dann ist dies schon noch etwas (qualitativ) anderes, als wenn man eine Passage von Quelle X nicht angibt und die Quelle selbst als (gewonnene) Erkenntis „dient“. Dass es ein formales Fehlverhalten ist, steht natürlich außer Frage, aber es muss auch die qualitative Ebene beachtet werden.

Ab wann nun aber die Summation von formalem Fehlverhalten, wenn es „nur“ solches war, trotzdem dazu führen muss und sollte, dass man nicht mehr sagen kann, dass jemand wissenschaftlich exakt, im Sinne der eingangs erwähnten Curricula, geforscht hat, dies ist eineindeutig nicht zu beantworten, denn es ist schlicht NICHT geregelt. Es gibt keine normativen Standards, die sagen, dass ab der Anzahl X [in %] von „ausgelassenen“ Quellen eine Dissertation eben nicht mehr „haltbar“ ist. Das ist nicht nur bedauerlich, sondern DAS ist der eigentliche Skandal, den man viel dezidierter beleuchten sollte. Warum gibt es keine Standards? Was ist seit zu Guttenberg geschehen? Ist es nicht so, dass immer mehr Unis/Hochschulen dazu übergehen, dass sie Plagiate nur noch per Software prüfen? Reicht dies? Kann eine Software wirklich so tief prüfen, wie es eigentlich notwendig wäre? Das Erkennen von Plagiaten stellt höchste fachliche Anforderungen; aber in den diversen Erregungwellen zu den zahllosen vermeintlichen „Plagiatoren“ wird immer recht schnell und undifferenziert von vielen attestiert, dass er/sie ein Plagiator ist. Aber auch der akademische Betrieb trägt hier eine Mitschuld, denn das Selbstverständis von akademischer Transparenz war und ist mehr als zweifelhaft.

Eine akademische Neujustierung (auch in der Transparenz) täte Not

Wäre die Universität Düsseldorf klug gewesen, dann hätte sie ein öffentliches Verfahren zur Überprüfung aller als Plagiat bezeichneten Textstellen sowie möglicher noch nicht gefundener Textpassagen, die nicht als Quelle angegeben worden sind, angestrebt. Die Uni hat die einmalige Chance verpasst, dem akademischen Betrieb eine Neujustierung zu verpassen, die in der öffentlichen Wahrnehmung eine Transparenz hätte erzeugen können, die es vielen ermöglicht hätte, zu verstehen, worum es tatsächlich geht. Man hätte einfach nur das Selbstverständnis medial steuern und streuen müssen.

Nähmen wir an, dass die UNI Düsseldorf einfach (zusätzlich) 3 UNIs damit „beauftragt“ hätte, die Dissertation von Frau Prof. Dr. Schavan zu überprüfen. Öffentlich. Mit all der Transparenz in der (Be)Wertung, WARUM diese oder jene Textstelle nun ein Plagiat sei, oder eben auch nicht. Was wäre dies für ein Gewinn für die wissenschaftliche Kultur gewesen; hätte dieses Verfahren doch eben der Öffentlickeit auch das Verfahren des Erkennens und Einordnens an sich, welches gewiss nicht einfach ist, offengelegt und damit wiederrum auch für Außenstehende erkennbar gemacht, dass es so einfach eben nicht ist… Mit öffentlich ist hier aber gemeint, dass es zugänglich in der Eruierung ist; es soll nicht heißen, dass „hinter“ den Gutachtern bei ihrer Arbeit nun die Öffentlichkeit „sitzen“ soll.

Stattdessen hat(te) man sich für eine Art Hinterzimmervariante entschieden. Intransparent. Elitär. Dass Frau Schavan inzwischen auch noch in einer durchaus als unangemessen zu bezeichnenden Art und Weise -juristisch- (re)agiert hat, ist zudem unverständlich, denn es schadet dem Wissenschaftsbetrieb als solchen. Und dies kann niemals gut sein.

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