Lob des Analphabetentums (Reprise)

Als ich heute morgen während der (digitalen) Zeitungslektüre auf einen Artikel stieß, der von einem Arbeiter im Hamburger Hafen berichtete und für den es ein riesiges Problem ist, dass er befördert werden soll, da schoss es mir wieder durch den Kopf: Es gibt, nicht nur in unserem Land, eine nicht unerhebliche Anzahl von Menschen, denen es nicht vergönnt ist, die scheinbar selbstverständlichen Techniken des Lesens und Schreibens so zu beherrschen, als dass man sagen könnte, sie können „normal“ Lesen und Schreiben; ergo spricht man bei diesen Menschen davon, dass sie funktionale Analphabeten sind. Laut einer Studie der Universität Hamburg betrifft dies in Deutschland ca. 7,5 Millionen Menschen (Altersgruppe 18-64). Auf den ersten Blick dachte ich, dass dies ein Tippfehler im Artikel wäre – es können doch unmöglich so viele sein. Wenn man sich in diesem Kontext dann noch vergegenwärtigt, welche Altersstruktur wir in Deutschland derzeit haben, dann beschleicht einen doch ein leichtes Gefühl der Beklemmung, denn diese Altersgruppe macht „nur“ ca. 50-55% der Gesamtbevölkerung aus. Für die andere Hälfte steht zu vermuten, dass hier ein nicht minder geringer Anteil ausgemacht werden muss. Ein Gesamtanteil von 11-13 Millionen (die Altersgruppe 0-10 habe ich hierbei ausgeklammert) dürfte man also als realistisch annehmen. Also ca. jeder 7. Mensch in Deutschland kann nicht ausreichend Lesen und Schreiben.

« Noch größer ist die Gruppe derjenigen, die zwar lesen und schreiben können – aber allenfalls auf Grundschulniveau. ‚Diese Menschen können vielleicht eine Boulevard-Zeitung lesen. Sie drücken sich aber so weit wie möglich darum, irgendetwas schreiben zu müssen‘, erklärt Ute Koopmann, Vorsitzende des Arbeitskreises Grundbildung beim Deutschen Volkshochschul-Verband. »

Dass Hans Magnus Enzensberger im Jahr 1985 einen Essay mit dem Titel dieses Beitrags hier schrieb, ist nun auch schon wieder mehr als ein viertel Jahrhundert her, aber wenn man es recht bedenkt, dann ist dieses -für viele sicher eher nebensächliche- Thema aktueller denn je – mehr noch: es müsste im Streben nach einer  digitalen pólis  zur einem der Kernthemen werden, denn im digitalen Raum dürfte es noch problematischer sein, wenn jemand nicht ausreichend Lesen und Schreiben kann. Das partizipatorische Element des Individuums in der Moderne ist unzweifelhaft mit diesen Kernkompetenzen verknüpft und steht und fällt mit diesen.

An dieser Stelle reflektiere ich gerade nochmals, dass Enzensberger in seinem Essay damals schrieb, dass die Gruppe der Analphabeten ja nie präsent ist, dass sie nie zur Stelle ist, wenn man von ihr (wie jetzt hier gerade auch) redet bzw. schreibt. Wie recht er doch hat(te) – und leider eben mehr denn je. Die Moderne scheint vom Imperativ  Digital  derart verblendet, dass sich -im Prinzip als (zynisches) Paradoxon- die Gruppe der Analphabeten in der (hochentwickelten) Moderne eben nicht verkleinert, sondern vergrößert hat. Weltweit wird der hehre Siegeszug des Digitalen von „Revolution“ zu „Revolution“ gefeiert und als Aushängeschild für den menschlichen Fortschritt mehr als gern und blumig bemüht. Dass es der sich formenden  digitalen pólis  der letzten 10-15 Jahre offenbar nicht gelungen ist bzw. gelingt, die Mittel ihrerselbst, die sie Zweifels ohne hätte, auch dafür zu verwenden, dass sie signifikant dazu beiträgt, zu versuchen, eben das Analphabetentum, im durchaus idealistisch zu sehenden Ansatz, auf die Quote Null zu bringen, lässt einen durchaus etwas in Ratlosigkeit zurück.

Setzen wir vielleicht doch ein wenig den Focus zu eng, zu speziell und vernachlässigen die Basis dessen, was man mit dem für mich vehement zu verteidigenden Humanismus einst mal als Selbtverständlichkeit verband, nämlich Attribute wie Toleranz, Gewissensfreiheit, Gewaltfreiheit und Würde. Ist es wirklich das Selbstverständis der Moderne, dass sie ihren Nachwuchs z.B. darauf trimmt, dass sie ihm (neue) Kernkompetenzen wie Handhabung von technischen Geräten (Pad-Computing, Smartphones, App-Computing, Clouding usw.) mehr als nahe legt und geradezu einfordert, dass dieses das neue (metaphysische) Mantra eines sich formenden Individuums werden soll. Ein i-Individuum in der i-Welt sozusagen.

Könnte es nicht sein, dass die (akademische) Moderne auch auf eine gewisse Art eine riesige Dotcom-Blase ist, da sie sich immer mehr von ihren einstigen Wurzeln, aus denen sie schließlich mal hervorgegangen ist, entfernt und deren anthropologisches Bodenreich, in welchem diese gewöhnlich Halt f(a/i)nden, gefühlt deutlich erodieren lässt?

Wäre es nicht denkbar, ja in Strenge fast schon nahe liegend, dass die traurige Entwicklung eines sich aus heutiger Perspektive leider nur noch als konstant steigend zu bezeichnenden Analphabetentums (u.a.) eine niemals hinzunehmende Kehrseite der Abwendung vom Humanismus mit seinen Werten ist? Können Neoliberalismus, Technokratie und, als Kehrseite der Medaille von gefühlt unendlicher Flexibilität und Anpassung, zunehmender Verzicht auf kulturelle Identität wirklich ein Gegenmodell zum Humanimsus bilden?

Ist es nicht würdelos genug, dass es in einer aufgeklärten Gesellschaft möglich ist, dass Abermillionen von Menschen nicht in dem Umfang am gesellschaftlichen Leben partizipieren können, wie es doch selbstverständlich sein sollte? Muss nicht konstatiert werden, dass Fragen der Toleranz sich teilweise auch ad absurdum führen, da innerhalb der  digitalen pólis  gerade diese immer mehr verdrängt wird – Menschen die Zweifel oder Skepsis an den digitalen Segnungen offenbaren werden nicht selten als per sé technikfeindlich oder schlicht nicht mehr zeitgemäß verortet. Setzt man sich wirklich noch gewissenhaft mit diesen Dingen und Zusammenhängen auseinander? Oder ist es nicht doch mehr die Huldigung einer Mode, die man, von verschiedenen (digitalen) Imperieren, versucht konformistisch zu etablieren?

Und wenn wir an dieser Stelle auf die Gruppe der Analphabeten blicken, die sich im Allgemeinen wie im Besonderen unzweifelhaft nur sehr eingeschränkt in gesellschaftliche Dialoge einbringen können, da diese meist Lese- und Schreibkompetenz erfordern, dann muss doch jedem klar werden, dass dies einfach nicht akzeptabel ist, dass dem so ist. Nicht nur, weil ethische und moralische Prinzipien dies gebieten, sondern vornehmlich deshalb, weil hier Potentiale von Menschen einfach so als inexistent gelten (müssen); und dies meist nur, weil diese nur unzureichend die Möglichkeit hatten, sich entsprechend ihrer mit Sicherheit zahlreich vorhandenen Ideen einbringen zu können.

Dieses Thema sollte künftig höher priorisiert werden und vielleicht gelingt es, in Zusammenarbeit mit meinen Kollegen hier im GnBK, auch etwas Sinnvolles in dieser Richtung zu initiieren. Es kann niemals im Interesse einer Gesellschaft sein, dass nicht geringe Teile ihrerselbst mehr oder weniger abgehängt sind. Mir ist gleichwohl bewusst, dass gerade auch das Urteil des Bundesfinanzhofs vom August diesen Jahres im Hinblick auf die Absetzbarkeit von Steuern für Ausbildungszwecke hier ein Meilenstein im negativen Sinne gesetzt hat, denn im Rahmen dieses Urteils wurde (auch) höchstrichterlich festgestellt, dass die (akademische) Ausbildung primär nicht mehr dazu da ist, um sich im Sinne des Humanismus zu bilden, sondern vornehmlich dem Zweck dient, entsprechend mehr Einkommen zu erzielen. Auf konnotativer Ebene erklärt der Staat ja damit auch, dass er sich nicht mehr primär dem Menschenbild des Humanismus als Bildungsziel verpflichtet sieht. Die neoliberalen Formen von Effizienzstudiengängen lassen hier grüßen.

Abschließend möchte ich noch einräumen, dass ich, während ich diese Zeilen hier verfasste, doch auch ein wenig nachdenklicher geworden bin, denn letztlich kann und darf es keinen  Grund dafür geben, dass Menschen nicht Lesen und Schreiben können. (Anm: ausgenommen sind unabänderbare Dispositionen eines Individuums) Auch wenn mir der Essay von Enzensberger aus 1985 im Gedächnis war, so habe auch ich mehr oder weniger ausgeblendet, dass gerade die letzten 20-30 Jahre u.a. dazu geführt haben, dass es zwar scheinbar immensen Fortschritt auf diversen Feldern gab, aber dass dieser einhergeht mit einem dramatischen Rückschritt auf eben einem Feld wie der Bekämpfung des Analphabetentums. Das digitale Zeitalter bringt also auch eine ganze Reihe von Herausforderungen mit sich, denen es sich zu stellen gilt…

Infos zu dieser Reprise:
Bullshit-Index:  0.18
( http://www.blablameter.de )
Angeblich verfasst im Schreibstil von:  Sigmund Freud
( http://www.faz.net/f30/aktuell/WriteLike.aspx )
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