Armutsrisiken: SPEGEL-Online das Populismus-Medium mit Bertelsmann-Blut tut nicht gut

Kaum waren die neuen Zahlen einer EU-Statistik zur Armutsgefährdung durch die Medien gegeistert, lieferte das einstige Qualitätsmedium SPIEGEL via seines Online-Ablegers gleich den Beweis, dass man die Zahlen für Deutschland nicht ernst nehmen könnte und dass EUROSTAT mit seiner Methodik einfach falsch liegt. Deutschland würde systematisch arm gerechnet und die Zahlen hätten sehr wenig mit der Realität zu tun. Grundsätzlich steht es jedem Medium via seiner Journalisten frei, eine Veröffentlichung, eine Analyse zu hinterfragen und deren Daten auch auf Validität zu prüfen. Das ist gut so und soll so sein. Aber wenn man es schon macht, dann sollte man sich wenigstens die Mühe machen, es mit Präzision und Wahrheitsanspruch zu machen – nicht mit populistischer „Argumentation“, die, um es gleich vorweg zu nehmen, unsauberer und unschärfer ist, als die Methodik der EU, die kritisiert wird.

Dass es mit Statistiken immer so eine Sache, dies steht außer Frage. Man kann sie durchaus in die ein oder andere Richtung „lenken“, wenn man bestimmte Parameter z.B.verschweigt, vernebelt, oder falsch festlegt bzw. berücksichtigt. Natürlich kann auch die Datenlage an sich fehlerhaft sein. In der Regel dürfte dies aber seltener der Fall sein; „Streit“ gibt es eigentlich meist mehr um die Methodik bzw. die einzelnen Indikatoren, die die Statistik dann bilden. Das ist i.O. so und sollte auch immer kritisch beleuchtet werden.

SPIEGEL Online führt hier an, dass nachfolgende 3 einheitlichen Kriterien gelten würden, nach denen die EU klassifizieren würde:

  • Armutsgefährdungsquote: 15,8 Prozent der Deutschen verfügen über weniger als 60 Prozent des Netto-Durchschnittseinkommens und gelten damit als von Armut bedroht. In Deutschland liegt diese Grenze konkret bei 952 Euro im Monat für einen Single und bei 2000 Euro für eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren. Für die Armutsberichte etwa der Bundesregierung ist das der maßgebliche Faktor.
  • Erhebliche materielle Entbehrung: 5,3 Prozent der Deutschen leben in Haushalten, in denen das Geld für grundlegende Dinge fehlt – konkret für mindestens vier der folgenden neun: Miete, Heizung, unerwartete Ausgaben, mindestens jeden zweiten Tag eine angemessene Mahlzeit, mindestens eine Woche Urlaub im Jahr außerhalb der eigenen vier Wände, Auto, Waschmaschine, Farbfernseher oder Telefon.
  • Sehr geringe Erwerbsbeteiligung: Diese liegt vor, wenn die erwachsenen Mitglieder (bis 59 Jahre) eines Haushaltes zusammengerechnet weniger als 20 Prozent der möglichen Zeit einen Job haben. Bei einem Single ohne Kinder wäre dieses Kriterium erfüllt, wenn er weniger als 2,4 Monate im Jahr arbeitet. Bei einer Alleinverdienerin mit nichtberufstätigem Partner und zwei studierenden Kindern im Haushalt dagegen schon, wenn sie weniger als 9,6 Monate im Jahr beschäftigt ist.

Es wird der Eindruck vermittelt, dass dies die objektiven Kriterien wären, nach denen eben die Statistik erstellt worden ist – das ist aber nicht der Fall. SPIEGEL-Online täuscht hier leider die Leser. Ob bewusst oder unbewusst, ist letztlich egal – es ist pure Schlamperei und zeigt, wie dort analytisch gearbeitet wird. Aber gehen wir in medias res:

Die erste unlautere „Unschärfe“ die SPON schon im ersten Kriterium begeht, ist, dass behauptet wird, dass, wer weniger als 60% des Netto-Durchschnitteinkommens hat, dann eben armutsgefährtdet ist. Man verschweigt aber, dass das KRITERIUM der EU an dieser Stelle heißt: „Als von Armut bedroht gelten Personen mit einem verfügbaren Äquivalenzeinkommen unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle, die bei 60 % des nationalen verfügbaren medianen Äquivalenzeinkommens (nach Sozialtransfers) liegt. “ – Nach (erfolgten) Sozialtransfers! Das heißt im Umkehrschluss, es gibt sehr wohl eine quantifizierbare Menge an Menschen, die NUR dank der Zahlung von Sozialtransfers aus diesem Kriterium „rausfallen“. Zum Vergleich an dieser Stelle: Würde man das Kriterium der Sozialtransfers herausnehmen, dann läge die Gefährdungsquote bei 25,1% (Quelle: destatis), also fast 10% höher. Oder anders ausgedrückt: 9,3% der Bevölkerung in D fallen aus dem Kriterium 1 heraus, weil der Staat ihnen Sozialleistungen zahlt. Das sollte man sich mal in aller Ruhe durchdenken; denn es zeigt die Dimension des Gefährdungspotential „gut“ auf.

Die Indikatoren, die das 2. Kriterium der EU bilden, sind sicher in der Tendenz einer Ausprägung der richtige Weg, aber sie sind leider auch recht vage, um damit wirklich zuverlässige Aussagen treffen zu können. Die Angaben implizieren subjektive Komponenten, so dass eine Standardisierung hier doch schwierig scheint. Was ist eine angemessene Beheizung? Was fällt unter unerwartete Ausgaben? Nun denn, man kann über die Indikatoren streiten und reden, aber wenn man es macht, dann sollte man es inhaltlich tun. Im Artikel von SPON war davon nichts zu lesen.

Das 3. Kriterium, das SPON anführt ist ebenfalls fehlerhaft übernommen worden, denn die EU legt das KRITERIUM anders fest, unzwar so: „Als in Haushalten mit niedriger Erwerbstätigkeit lebend gelten Personen im Alter von 0-59 Jahren, die in Haushalten leben, in denen die Erwachsenen (18-59 Jahre) im vorhergehenden Jahr insgesamt weniger als 20 % gearbeitet haben.“ Weiterhin ist in den Metadaten zur Statistik bei EUROTSTAT eindeutig angegeben, dass z.B. Studenten hier nicht zählen. Es ist fast schon grob fahrlässig, dass SPON hier eine „Berechnung“ aufzeigt, nach der eine Familie mit 2 Kindern und nur einem Partner, der arbeitet, dann bereits bei unter 9,6 Monaten Beschäftigung/Jahr dann arm wäre. Diese Methodik sieht die EU-Statistik nicht vor. (vgl. Metadatenauszug hier)

Im weiteren führt SPON aus, dass die EU-Methodik daran kranken würde, dass schon eines der 3 Kriterien ausreicht, um als arm zu gelten; im Weiteren fährt man fort, dass dies zu „bizarren Verzerrungen“ führen würde, die dann nachfolgend durch Beispiele „belegt“ werden. Hierzu ist Folgendens festzustellen:

Die Angabe, dass „8,5% der Deutschen zwar weniger als 60% des Durchschnitteinkommens hätten(…) usw.“ kann man zwar anführen, aber sie hat leider KEINE valide Basis, um als Vergleich zu dienen, denn die Daten von EUROSTAT sind repräsentativ, statistisch ermittelt worden. SPONs Daten sind, ja, was sind sie, Umfragen? Man weiß es nicht. Und daher ist dies Schönrechnung auf 11,4% einfach nur lächerlich und zudem ist sie mathematisch-statistisch hanebüchen. Denn: Es existiert ja gerade der Vergleichbarkeit wegen das konkrete Kriterium (weniger als 60% des nationalen Durchschnittseinkommens [nach Sozialtransfers]). Und dieses Kriterium ist verbindlich innerhalb der EU und darauf basieren die Werte. Wenn das SPON nicht passt, dann muss sich SPON dafür stark machen, dass man den Wert (z.B. 60%) auf was auch immer ändert. Die Statistik ist seitens der EU hier also absolut sauber. Und gut.

Die als 2. Schönrechnung herausgefilterten „Daten“ für das Kriterium Erwerbstätigkeit kann man objektiv nicht mehr nachvollziehen, denn WOHER hat SPON diese Zahlen? DIE EU hat KEINE diesbezüglichen Daten erhoben, die einen solchen Schluss zulassen würden. Das is populistisches Gerechne auf Schönwetter-Niveau.

Ebenso unverständlich ist das Anbringen des weiteren Monitums, dass man Ungleichheit messen würde und dann Rumänen und Luxemburg „vergleicht“. Diese Methodik ist unlauter, denn die EU nimmt als Maßstab den jeweiligen nationalen Median des Durchschnittseinkommens. Nur wer unterhalb von 60% liegt, gilt als arm; es ist dabei unerheblich, ob der Median in Luxemburg X beträgt und in Rumänien Y. Der Vergleich erfolgt also relativ (auf die 60% bezogen) nicht absolut…

Fazit:
Man kann kritisieren, aber mann sollte es dann schon etwas präziser tun und dezidiert auf die Methodik von Eurostat eingehen. Die Schönrechnung des Armutsrisikos von 19,9% auf 9,1% bleibt indes Hokuspokus, der nichts mit der Realität zu tun hat. Deutschland hat, als eines der reichsten Länder der Erde, ein Armutsproblem von hohem Ausmaß. Und daran sollte man arbeiten – aber nicht mit populistischem Schönrechnen.

Advertisements