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Armutsrisiken: SPEGEL-Online das Populismus-Medium mit Bertelsmann-Blut tut nicht gut

Kaum waren die neuen Zahlen einer EU-Statistik zur Armutsgefährdung durch die Medien gegeistert, lieferte das einstige Qualitätsmedium SPIEGEL via seines Online-Ablegers gleich den Beweis, dass man die Zahlen für Deutschland nicht ernst nehmen könnte und dass EUROSTAT mit seiner Methodik einfach falsch liegt. Deutschland würde systematisch arm gerechnet und die Zahlen hätten sehr wenig mit der Realität zu tun. Grundsätzlich steht es jedem Medium via seiner Journalisten frei, eine Veröffentlichung, eine Analyse zu hinterfragen und deren Daten auch auf Validität zu prüfen. Das ist gut so und soll so sein. Aber wenn man es schon macht, dann sollte man sich wenigstens die Mühe machen, es mit Präzision und Wahrheitsanspruch zu machen – nicht mit populistischer „Argumentation“, die, um es gleich vorweg zu nehmen, unsauberer und unschärfer ist, als die Methodik der EU, die kritisiert wird.

Dass es mit Statistiken immer so eine Sache, dies steht außer Frage. Man kann sie durchaus in die ein oder andere Richtung „lenken“, wenn man bestimmte Parameter z.B.verschweigt, vernebelt, oder falsch festlegt bzw. berücksichtigt. Natürlich kann auch die Datenlage an sich fehlerhaft sein. In der Regel dürfte dies aber seltener der Fall sein; „Streit“ gibt es eigentlich meist mehr um die Methodik bzw. die einzelnen Indikatoren, die die Statistik dann bilden. Das ist i.O. so und sollte auch immer kritisch beleuchtet werden.

SPIEGEL Online führt hier an, dass nachfolgende 3 einheitlichen Kriterien gelten würden, nach denen die EU klassifizieren würde:

  • Armutsgefährdungsquote: 15,8 Prozent der Deutschen verfügen über weniger als 60 Prozent des Netto-Durchschnittseinkommens und gelten damit als von Armut bedroht. In Deutschland liegt diese Grenze konkret bei 952 Euro im Monat für einen Single und bei 2000 Euro für eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren. Für die Armutsberichte etwa der Bundesregierung ist das der maßgebliche Faktor.
  • Erhebliche materielle Entbehrung: 5,3 Prozent der Deutschen leben in Haushalten, in denen das Geld für grundlegende Dinge fehlt – konkret für mindestens vier der folgenden neun: Miete, Heizung, unerwartete Ausgaben, mindestens jeden zweiten Tag eine angemessene Mahlzeit, mindestens eine Woche Urlaub im Jahr außerhalb der eigenen vier Wände, Auto, Waschmaschine, Farbfernseher oder Telefon.
  • Sehr geringe Erwerbsbeteiligung: Diese liegt vor, wenn die erwachsenen Mitglieder (bis 59 Jahre) eines Haushaltes zusammengerechnet weniger als 20 Prozent der möglichen Zeit einen Job haben. Bei einem Single ohne Kinder wäre dieses Kriterium erfüllt, wenn er weniger als 2,4 Monate im Jahr arbeitet. Bei einer Alleinverdienerin mit nichtberufstätigem Partner und zwei studierenden Kindern im Haushalt dagegen schon, wenn sie weniger als 9,6 Monate im Jahr beschäftigt ist.

Es wird der Eindruck vermittelt, dass dies die objektiven Kriterien wären, nach denen eben die Statistik erstellt worden ist – das ist aber nicht der Fall. SPIEGEL-Online täuscht hier leider die Leser. Ob bewusst oder unbewusst, ist letztlich egal – es ist pure Schlamperei und zeigt, wie dort analytisch gearbeitet wird. Aber gehen wir in medias res:

Die erste unlautere „Unschärfe“ die SPON schon im ersten Kriterium begeht, ist, dass behauptet wird, dass, wer weniger als 60% des Netto-Durchschnitteinkommens hat, dann eben armutsgefährtdet ist. Man verschweigt aber, dass das KRITERIUM der EU an dieser Stelle heißt: „Als von Armut bedroht gelten Personen mit einem verfügbaren Äquivalenzeinkommen unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle, die bei 60 % des nationalen verfügbaren medianen Äquivalenzeinkommens (nach Sozialtransfers) liegt. “ – Nach (erfolgten) Sozialtransfers! Das heißt im Umkehrschluss, es gibt sehr wohl eine quantifizierbare Menge an Menschen, die NUR dank der Zahlung von Sozialtransfers aus diesem Kriterium „rausfallen“. Zum Vergleich an dieser Stelle: Würde man das Kriterium der Sozialtransfers herausnehmen, dann läge die Gefährdungsquote bei 25,1% (Quelle: destatis), also fast 10% höher. Oder anders ausgedrückt: 9,3% der Bevölkerung in D fallen aus dem Kriterium 1 heraus, weil der Staat ihnen Sozialleistungen zahlt. Das sollte man sich mal in aller Ruhe durchdenken; denn es zeigt die Dimension des Gefährdungspotential „gut“ auf.

Die Indikatoren, die das 2. Kriterium der EU bilden, sind sicher in der Tendenz einer Ausprägung der richtige Weg, aber sie sind leider auch recht vage, um damit wirklich zuverlässige Aussagen treffen zu können. Die Angaben implizieren subjektive Komponenten, so dass eine Standardisierung hier doch schwierig scheint. Was ist eine angemessene Beheizung? Was fällt unter unerwartete Ausgaben? Nun denn, man kann über die Indikatoren streiten und reden, aber wenn man es macht, dann sollte man es inhaltlich tun. Im Artikel von SPON war davon nichts zu lesen.

Das 3. Kriterium, das SPON anführt ist ebenfalls fehlerhaft übernommen worden, denn die EU legt das KRITERIUM anders fest, unzwar so: „Als in Haushalten mit niedriger Erwerbstätigkeit lebend gelten Personen im Alter von 0-59 Jahren, die in Haushalten leben, in denen die Erwachsenen (18-59 Jahre) im vorhergehenden Jahr insgesamt weniger als 20 % gearbeitet haben.“ Weiterhin ist in den Metadaten zur Statistik bei EUROTSTAT eindeutig angegeben, dass z.B. Studenten hier nicht zählen. Es ist fast schon grob fahrlässig, dass SPON hier eine „Berechnung“ aufzeigt, nach der eine Familie mit 2 Kindern und nur einem Partner, der arbeitet, dann bereits bei unter 9,6 Monaten Beschäftigung/Jahr dann arm wäre. Diese Methodik sieht die EU-Statistik nicht vor. (vgl. Metadatenauszug hier)

Im weiteren führt SPON aus, dass die EU-Methodik daran kranken würde, dass schon eines der 3 Kriterien ausreicht, um als arm zu gelten; im Weiteren fährt man fort, dass dies zu „bizarren Verzerrungen“ führen würde, die dann nachfolgend durch Beispiele „belegt“ werden. Hierzu ist Folgendens festzustellen:

Die Angabe, dass „8,5% der Deutschen zwar weniger als 60% des Durchschnitteinkommens hätten(…) usw.“ kann man zwar anführen, aber sie hat leider KEINE valide Basis, um als Vergleich zu dienen, denn die Daten von EUROSTAT sind repräsentativ, statistisch ermittelt worden. SPONs Daten sind, ja, was sind sie, Umfragen? Man weiß es nicht. Und daher ist dies Schönrechnung auf 11,4% einfach nur lächerlich und zudem ist sie mathematisch-statistisch hanebüchen. Denn: Es existiert ja gerade der Vergleichbarkeit wegen das konkrete Kriterium (weniger als 60% des nationalen Durchschnittseinkommens [nach Sozialtransfers]). Und dieses Kriterium ist verbindlich innerhalb der EU und darauf basieren die Werte. Wenn das SPON nicht passt, dann muss sich SPON dafür stark machen, dass man den Wert (z.B. 60%) auf was auch immer ändert. Die Statistik ist seitens der EU hier also absolut sauber. Und gut.

Die als 2. Schönrechnung herausgefilterten „Daten“ für das Kriterium Erwerbstätigkeit kann man objektiv nicht mehr nachvollziehen, denn WOHER hat SPON diese Zahlen? DIE EU hat KEINE diesbezüglichen Daten erhoben, die einen solchen Schluss zulassen würden. Das is populistisches Gerechne auf Schönwetter-Niveau.

Ebenso unverständlich ist das Anbringen des weiteren Monitums, dass man Ungleichheit messen würde und dann Rumänen und Luxemburg „vergleicht“. Diese Methodik ist unlauter, denn die EU nimmt als Maßstab den jeweiligen nationalen Median des Durchschnittseinkommens. Nur wer unterhalb von 60% liegt, gilt als arm; es ist dabei unerheblich, ob der Median in Luxemburg X beträgt und in Rumänien Y. Der Vergleich erfolgt also relativ (auf die 60% bezogen) nicht absolut…

Fazit:
Man kann kritisieren, aber mann sollte es dann schon etwas präziser tun und dezidiert auf die Methodik von Eurostat eingehen. Die Schönrechnung des Armutsrisikos von 19,9% auf 9,1% bleibt indes Hokuspokus, der nichts mit der Realität zu tun hat. Deutschland hat, als eines der reichsten Länder der Erde, ein Armutsproblem von hohem Ausmaß. Und daran sollte man arbeiten – aber nicht mit populistischem Schönrechnen.

Zwischenruf: Kapitalismus reloaded – Was wir wirklich retten sollten

28. August 2012 1 Kommentar

Die wahre Leitwährung: Vertrauen

Die Krisen unserer Zeit sind mannigfaltig. Wirtschaftskrisen. Finanzkrisen. Kulturkrisen. Gesellschaftskrisen. Sinnkrisen. Als gefühlte Wahrnehmung könnte man attestieren, dass sowohl Anzahl als auch Komplexität der einzelen Krisen stetig zunehmen. Zudem scheinen die Zyklen, in denen sie auftreten und der Grad ihrer Verwobenheit zuzunehmen. Dennoch wäre dieser Befund nicht neu. Er spiegelte nur ein mehr oder weniger normales, organisches IST wider; denn Krisen gehören zum Kapitalismus. Sie sind systembedingt.

Gewiss, Europa stand in dieser Konstellation noch nie in seiner langen geschichtlichen Tradition vor solchen Herausforderungen. Dies wird wohl niemand ernsthaft bestreiten wollen. Ein wesentlicher Aspekt, der immer wieder in diversen Kontexten zu Krisen führt(e), ist und war aber der Verlust von Vertrauen. In Strenge müsste man eigentlich vom Vertrauen als DER Leitwährung schlechthin reden und dem Vertrauen DIE Macht zusprechen, der es gebührt: Die meist ausgeprägte. Es ist DAS konstituierende Element schlechthin. Im Politischen. Im Gesellschaftlichen. Im Kulturellen. Im Wirtschaftlichen.

In Zeiten, in denen man viel und gerne über entfesselte Finanzmärkte redet und schreibt, in denen man die scheinbar endlose Proftgier vieler Unternehmer (zu Recht) an den Pranger stellt, in Zeiten, in denen vielen politischen Institutionen ein Vertrauensverlust bisher nicht gekannten Ausmaßes bescheinigt werden muss [Anm: Das spiegelt sich nicht nur in den nach wie vor sinkenden Wahlbeteiligungen allerorten wider], in diesen Zeiten muss es eine, wenn nicht gar DIE Kernaufgabe sein, dass man das Vertrauen wieder zurückgewinnt bzw. dass man ein neues gedeihen lässt.
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(Rück)Gewinnung von Vertrauen durch eine Kultur der Transparenz

In den Medien, in Gesprächen miteinander, in diversen Veranstaltungen und nicht zuletzt in künstlerischen Aktionen und Installationen wird seit vielen Jahrzehnten darauf aufmerksam gemacht, dass die realen Wirtschaftsleistungen und ein (organisch dazugehöriger) Geldumlauf signifikant auseinanderdriften. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Wir haben haben uns aber trotz dieser vorhandenen Erkenntnis immer weiter dazu „verpflichtet“, dass wir so weiter machen (wollen). Bisher jedenfalls. Gewiss, es gibt auch „Zwänge“ hierfür. Das soll aber an dieser Stelle nicht der Punkt sein, um den es gehen soll. Es soll auch keine Fokussierung auf den Aspekt erfolgen, dass sich der Reichtum qua status immer mehr konzentriert. Weltweit ist dies zu verzeichnen. Gewiss. Und leider.

Es sollte stattdessen mal darüber nachgedacht werden, ob man nicht mit einer Kultur der vermehrten (wirtschaftlichen) Transparenz im Hinblick auf die Prozesse der Herstellung von materiellen wie immateriellen Gütern etwas bei uns allen im Bewusstsein verankern könnte: Einen verinnerlichten Bezug zum wahren Wert eines Produkts, einer Leistung. Man sollte versuchen, Vertrauen damit zurückgewinnen, indem man nachvollziehbar und bewertbar über jenes in Kenntnis gesetzt wird, was leider häufig eher mit einem Vertrauensverlust belegt ist: Das wahre Wissen um die Höhe der Marge(n), die man aufschlägt, um Gewinne zu generieren. Wir erachten es als geradezu selbstverständlich, dass die Freiheit(en) des Marktes es uns ermöglichen, dass Produkte hergestellt und verkauft sowie Leistungen erbracht werden können, bei denen Gewinne im Prinzip beliebig ausfallen können. Warum eigentlich? Würden wir wirklich noch Produkt A oder B oder C kaufen, oder Leistung D oder E in Anspruch nehmen, wenn wir im Sinne einer kulturell ausgeformten Transparenz wüssten, dass hierbei 70, 100, 200 oder X % Gewinn generiert würden und nur X % davon die reinen Kosten ausmachten? Würden wir nicht beginnen, zu vergleichen, zu überdenken und uns nicht vielleicht auch fragen, ob das alles angemesen ist? Sollte man dies in einem freien Markt nicht mehr hinterfragen? Wir haben doch in vielen anderen Kontexten unseres Lebens auch natürliche Schranken und Schwellen, die unser Miteinander regeln – normativ. Warum nicht bei Gewinnen – im Allgemeinen wie im Besonderen?
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Ein neues Bewusstsein über Gewinne an Produkten und Leistungen

Wäre es nicht so, dass man sich, wenn man wüsste, was die Gewinnmargen sind, viel mehr mit den Produkten auseinandersetzen würde, ja fast schon müsste? Wir beklagen z.B. zu Recht, dass der Neoliberalismus eine degenerierende Ausprägung der kapitalistischen Wirtschaftsform ist, aber begegnen wir ihm wirklich mit offenen Augen? Erkennen wir beim Kauf des Kühlschranks, Notebooks, Autos, der Einbauküche usw., welche konkrete Form der Herstellung dahinter steckt? Wollen wir es überhaupt erkennen? Oder wollen wir doch nur konsumieren? Gewiss, diese Gedanken mögen unbequem oder auch moralisch sein, auch wenn sie ebenfalls nicht neu sind, aber sie müssen (wieder) dauerhaft ins Bewusstsein gelangen, da hinter allen Produkten eben eine Herstellung steht und mit dieser ein Vertrauen in den Kapitalismus im Besonderen in bezug auf das konkrete Produkt, wie im Allgemeinen in bezug auf das System der Herstellung von Waren an sich, verbunden ist.

Der Umstand, dass man die Profitgier vieler Unternehmen geißelt, hat ja auch damit zu tun, dass wir im Kontext der Herstellung eines Produkts beispielsweise die Verlagerung von Arbeitsplätzen in externe Gebiete zwar wahrnehmen und i.d.R. selten begrüßen, aber zugleich eher selten wissen, wie sich dies effektiv auf die Preisstruktur der Leistung, des Produkts im Sinne der Transparenz auswirkt. Ahnen und Fühlen tun wir es sicher. Auch scheint es eine Chimäre zu sein, dass Verlagerung von Arbeitsplätzen per se immer Kosten sparen würde. Dies wissen wir heute. Aber das würde den Rahmen hier sprengen. Lassen wir diesen Aspekt daher außen vor. Aber eines muss als gesetzt gelten: Es geht ganz klar Vertrauen verloren. In das System. In Unternehmen. Auch in uns.

Ausdrücklich sei an dieser Stelle darauf verwiesen, dass sich auch immateriell generierte Produkte dieser Tranzparenz stellen sollten. Und man möchte einwenden, dass es dort fast noch notwendiger wäre…

Entscheidend sollte sein, dass eine kulturell verankerte Transparenz über Herstellungskosten/Leistungskosten und Gewinne angestrebt wird. Gewiss, Gewinne sind per se nichts Schlechtes; damit dies nicht missverstanden wird. Sie sind notwendig. Um (wieder) investieren zu können. Um innovativ sein zu können. Auch, um als Unternehmer vernünftig leben zu können. Keinen Widerspruch. Betonung aber auf vernünftig. Doch wenn die Systeme so ausgelegt, daß man diese Transparenz nicht oder kaum hat und man weiß, dass z.B. Menschen für Hungerlöhne an der Produktion beteiligt sind, dann schwindet eben auch das Vertrauen in die Herstellung und damit in den Hersteller.

Was wäre so schlimm daran, wenn Unternehmer A für seine Produkte 1, 2 und 3 oder Unternehmer B für seine Leistungen 4 und 5 offenlegt, dieses und jenes Verhältnis von Kosten und Gewinn zu haben? Eigentlich nichts, möchte man meinen. Vielleicht steckte aber ein Unbehagen in ihnen, daß man sie dann ab einem bestimmen Level als (zu) gierig bezeichnen könnte? Das würde sicher so sein. Aber genau DIES wäre es, was anzustreben ist: Ein Rückkoppelungsmechanismus, der sich einer (normativen) Ethik verpflichtet sieht. Einer Ethik, die ein auskömmliches Miteinander einer größtmöglichen Anzahl von Menschen ermöglichen würde. Nicht eine, die nur Teile partizipieren läßt.

Auch wenn das Bestimmen eines normativen Schwellenwertes für Gewinne im Kontext der hier erwähnten Transparenz schwierig ist, so würde diese Maßnahme aber einen erweiterten Bezug zu Produkten und Leistungen ermöglichen und zugleich könnte man damit wieder Vertrauen zurückgewinnen oder auch neu schaffen. Letztliche müsste aber zusammenhängend und systemisch daran gearbeitet werden, dass man verlorenes Vertrauen auf den unterschiedlichsten Terrains wieder erlangt.

Mensch Egon, immer dieser Weihnachtsstress

17. Dezember 2011 Hinterlasse einen Kommentar

Mensch Egon, kann’s denn wirklich sein
Dass unser Ding mir bricht das Bein? –
Auf dem ich inauguriert doch stehe
Und erhaben bin – über jede Wehe;

Die als Gegenwind mich macht nur stärker
Bin ja Deutschlands oberster Berserker.
Bin sophistischer Jurist in bester Manier
Beherrsche das Partizipieren auf edlem Papier –

Wie kaum ein anderer meines Standes
Bin dafür öfters mal auch außer Landes –
In Mallorca, Florida oder St. Moral
Und häng‘ mir um den Freundesschal.

Mensch Egon, hattest doch alles perfekt geplant
Und manu propria die Zinsen abgesahnt.
Wir waren uns doch immer darüber im Klaren
Dass öffentlich wird nie dieses Verfahren.

Die launige Sach‘ mit dem Spiegel
Die wär‘ doch wirklich nicht nötig gewesen –
Unsere Anwälte verkünden nun per Siegel
Dass sie uns da fluffig raus fräsen.

Lass uns mit Edith mal trinken einen Tee –
Abwartend über das Malheurchen plauschen.
Carsten bringt Vroni mit – die stets gute Fee
Und schon wir uns glücklich berauschen.

Es wär‘ doch gelacht,
Wenn manus manum lavat nicht mehr gelte –
Hattest Basta-Gerhard auch einst bedacht
Ohne dass dafür es gab eine Schelte…

Ich repräsentiere Gewisseninhaft im ganzen Land
In sta(a/t)tlich ergebener Treue –
Mit niedersächsisch protektionierender Hand
Zeig ich prochristlich gewiss keine Reue…
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© arso

Infos zu dieser Petitesse:
Bullshit-Index:  0.02
( http://www.blablameter.de )
Angeblich verfasst im Schreibstil von:  Johann Wolfgang von Goethe
( http://www.faz.net/f30/aktuell/WriteLike.aspx )

Die Finanzbra(n)che – Ein Traum wider des Spielens

Wenn man dieser Tage die Medienlandschaft durchforstet, könnte man versucht sein, den Eindruck zu gewinnen, dass die Zeit reif wäre für eine Neuausrichtung des (Finanz-)Marktes, für eine Neufestsetzung der Spielregeln im Spiel des Mammons mit sich selbst oder mit dem, wofür er auf Papier zu stehen vermag: Diverses Eigentum. Die dieser Tage, Wochen und Monate und in immer kürzeren Abständen einberufenen medialen Politshows zur angeblichen Rettung des Euros, der Finanzmärkte, der Geldwertstabilität werden immer grotesker und lavieren zwischen Farce und völliger Ahnungs-/Hilflosigkeit. Man möge sich bitte mal ins Gedächtnis rufen, dass das erste Rettungspaket für Griechenland vor knapp 1,5 Jahren geschnürt worden ist, dass die letzte Finanzkrise lt. deutscher Medienlandschaft und Politik ja hierzulande bestens überstanden worden ist und dass die Wirtschaft wieder so richtig, aber sowas von richtig brummt. Warum dann immer wieder neue Hiobsbotschaften? Irgendetwas kann ja wohl an der, nennen wir es mal euphemistisch leicht fehleranfällige Informationspolitik nicht ganz stimmen, aber das soll hier nicht das Thema sein.

Einen sehr bemerkenswerden Artikel konnte man dieser Tage auf SPIEGEL Online lesen: (vgl. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,775060,00.html) – Er schließt mit dem Satz, dass vielleicht das Spiel bald nach neuen, chinesischen Regeln gestart werden könnte… Ich dachte kurzzeitig eine wundervolle ironische Brechnung, fast ein Clou am Ende eines in meinen Augen wirklich mal lesenwerten Artikels, weil er so unprätentiös das IST beschreibt und mögliche Szenarien skizziert, ohne dramatisch im Duktus zu werden. Aber der Autor meinte das wohl ernst – und sicher nicht zu Unrecht. Aber was ich nun vermutet hätte, traf nicht ein: Ein Aufschrei, ein Gegenargumentieren, ein offenes Artikulieren, dass wir dies doch eigentlich nicht wollen (können), denn wenn ich es recht erinnere, ist China jetzt nicht unbedingt das Musterland des Kapitalismus, oder? Wo bleiben die ewigen Mahner der elitären FDP, der Verfechter der freien Finanzmärkte, der rechtskonservativen Lager aller Schattierungen, die ganzen neoliberalen Jünger, die sich darüber echauffieren, empören und exaltieren, dass hier dem Kommunismus eine Avance gemacht wird, dass man es für möglich hält, dass ein (neues) Spiel nach den Regeln eines „Anführers“ stattfindet, der einer Gesellschaftordnung vorsteht, die doch eigentlich immer als grundfalsch deklariert wird oder worden ist, der, was Demokratie betrifft, eine sicher etwas andere Auffassung davon hat, als wir Europäer oder auch die Amerikaner. Es verblüfft etwas, dass das alles so einfach im scheinbaren Nichts „untergehen“ kann, ohne dass es substantiell erwidert/rezipiert wird. Oder sind die Thesen/Szenarien etwa so abstrus, dass man sich damit nicht befassen will? Oder steht man mit dem Rücken doch näher an der Wand, als man es wahr haben will? Das lassen wir mal dahingestellt sein, denn auch das soll nicht der eigentliche Kern sein, um den es hier primär gehen sollte…

Denn eine der Überlegungen, die man im Kontext der ganze Finanzbra(n)che auch haben müsste, ist doch auch die, wie es (u.a.) möglich war, dass sich der gesamte Finanzsektor überhaupt derartig fehlentwicklen konnte, dass eine Blase nach der anderen zu platzen droht und für das ein oder andere Debakel sorgt bzw. dem größeren Unheil den Weg zu ebnen scheint. Dass es die vielzitierte Loskopplung von der Realwirtschaft gegeben hat, das weiß heute wohl jeder, dass diese Loskopplung etwa das 30-35 fache des globalen BIP beträgt, vielleicht nicht jeder. Mit anderen Worten: Es ist mehr als 30x soviel (fiktives) Geld im Umlauf, wie real erwirtschaft wird. Eine etwas lose, aber recht informative Zusammenstellung zu diversen Daten und Fakten diesbezüglich kann man hier http://www.banklounge.de/fileadmin/data_archive/pdf/Pelz-Krise-04.pdf nachlesen. Aber, und nun kommen wir zum Kern, auf den hier aufmerksam gemacht werden sollte, wie war diese Entwicklung denn möglich? Früher musste man Bilanzen von Hand schreiben, anpassen, oder Transaktionen (auf Papier) vorbereiten und planerisch umsetzen etc. Und heute? Da wird ALLES über den ONLINE-Handel der Börsen gesteuert. Jeder Wimpernschlag im Wirtschaftsraum Welt führt automatisch dazu, dass dieses System reagiert. Jede Medienmeldung führt dazu, dass dieses System reagiert. Es sind ja scheinbar nur noch ein paar Klicks am Computer und schon geht das Spiel wieder los, und schon werden die Regeln angewandt, die man sich auferlegt hat. Ob dabei (u.a.) nun nach Basel 1, 2 oder 3 verfahren wird, dies spielt keine so große Rolle, denn das Regelwerk ändert nichts am System der ECHTZEIT, am System der Transaktionen, das nur noch von einer handvoll Menschen überhaupt gesteuert wird und wohl auch werden kann. Selbst die Staaten und Regierungen sind diesem Spiel ja scheinbar hilflos ausgesetzt.

(c) Silvan Wegmann  

Jetzt mag man einwenden, dass es doch aber in erster Linie das nationale oder internationale RECHT wäre, was die Steuerung der Finanzmärkte reguliert, oder? Ja, oder was reguliert die Finanzmärkte tatsächlich? Ist es nicht ein wenig verblüffend, dass es keinerlei, aber auch absolut keinerlei nennenswerte Bestrebungen gibt, den MECHANISMUS der Finanzmärkte zu beeinflussen? Fast alle aktuellen Spekulation gegen die Krisenländer, gegen den Euro-Raum, laufen doch über das System des Online-Handels der hiesigen Börsen ab, oder? Wie haben Staaten Anfang/Mitte des letzten Jahrhunderts ihre Finanzmärkte denn überwiegend gesteuert? Sicher, Börsen gibt es schon länger (etwa seit dem 17. Jahrhundert), aber selbst wenn wir deren Existenz mal nicht weiter hinterfragen wollen, funktionierten sie früher nach anderen Maßstäben; auch oder besser gerade auf die Transparenz in den Märkten bezogen …

Zeit, dass der Finanzsektor einer Generalüberholung bedarf, ist es schon mehr als lange, aber diese Überholung muss zwingend dazu führen, dass das Spielen endlich aufhört, dass diese Finanzbranche sich wieder dem Realen verschreibt und nicht eine Brache nach der anderen generiert. Unfassbar in diesem Zusammenhang ist hierbei noch, dass es nun auch mitten in Europa Länder gibt, in denen Menschen beginnen in größerem Ausmaß -expressis verbis- zu hungern. (vgl. Griechenland). Wenn das Spiel so weit gehen kann, ob mit versuchter Rettung oder ohne, dann hat es jede Legitimation verloren. Man darf wohl den Traum haben, dass der Casino-Kapitalismus schnellstens fällt; in jedem Falle eher fällt, als die Notenbanken beginnen Geld zu pressen – im großen Stil, wie immer, wenn es kriselt(e) im Spiel…

Infos zu diesem Artikel:
Bullshit-Index: 0.16
( http://www.blablameter.de )
Angeblich verfasst im Schreibstil von: Melinda Nadj Abonji
( http://www.faz.net/f30/aktuell/WriteLike.aspx )