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Zwischenruf: Kapitalismus reloaded – Was wir wirklich retten sollten

28. August 2012 1 Kommentar

Die wahre Leitwährung: Vertrauen

Die Krisen unserer Zeit sind mannigfaltig. Wirtschaftskrisen. Finanzkrisen. Kulturkrisen. Gesellschaftskrisen. Sinnkrisen. Als gefühlte Wahrnehmung könnte man attestieren, dass sowohl Anzahl als auch Komplexität der einzelen Krisen stetig zunehmen. Zudem scheinen die Zyklen, in denen sie auftreten und der Grad ihrer Verwobenheit zuzunehmen. Dennoch wäre dieser Befund nicht neu. Er spiegelte nur ein mehr oder weniger normales, organisches IST wider; denn Krisen gehören zum Kapitalismus. Sie sind systembedingt.

Gewiss, Europa stand in dieser Konstellation noch nie in seiner langen geschichtlichen Tradition vor solchen Herausforderungen. Dies wird wohl niemand ernsthaft bestreiten wollen. Ein wesentlicher Aspekt, der immer wieder in diversen Kontexten zu Krisen führt(e), ist und war aber der Verlust von Vertrauen. In Strenge müsste man eigentlich vom Vertrauen als DER Leitwährung schlechthin reden und dem Vertrauen DIE Macht zusprechen, der es gebührt: Die meist ausgeprägte. Es ist DAS konstituierende Element schlechthin. Im Politischen. Im Gesellschaftlichen. Im Kulturellen. Im Wirtschaftlichen.

In Zeiten, in denen man viel und gerne über entfesselte Finanzmärkte redet und schreibt, in denen man die scheinbar endlose Proftgier vieler Unternehmer (zu Recht) an den Pranger stellt, in Zeiten, in denen vielen politischen Institutionen ein Vertrauensverlust bisher nicht gekannten Ausmaßes bescheinigt werden muss [Anm: Das spiegelt sich nicht nur in den nach wie vor sinkenden Wahlbeteiligungen allerorten wider], in diesen Zeiten muss es eine, wenn nicht gar DIE Kernaufgabe sein, dass man das Vertrauen wieder zurückgewinnt bzw. dass man ein neues gedeihen lässt.
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(Rück)Gewinnung von Vertrauen durch eine Kultur der Transparenz

In den Medien, in Gesprächen miteinander, in diversen Veranstaltungen und nicht zuletzt in künstlerischen Aktionen und Installationen wird seit vielen Jahrzehnten darauf aufmerksam gemacht, dass die realen Wirtschaftsleistungen und ein (organisch dazugehöriger) Geldumlauf signifikant auseinanderdriften. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Wir haben haben uns aber trotz dieser vorhandenen Erkenntnis immer weiter dazu „verpflichtet“, dass wir so weiter machen (wollen). Bisher jedenfalls. Gewiss, es gibt auch „Zwänge“ hierfür. Das soll aber an dieser Stelle nicht der Punkt sein, um den es gehen soll. Es soll auch keine Fokussierung auf den Aspekt erfolgen, dass sich der Reichtum qua status immer mehr konzentriert. Weltweit ist dies zu verzeichnen. Gewiss. Und leider.

Es sollte stattdessen mal darüber nachgedacht werden, ob man nicht mit einer Kultur der vermehrten (wirtschaftlichen) Transparenz im Hinblick auf die Prozesse der Herstellung von materiellen wie immateriellen Gütern etwas bei uns allen im Bewusstsein verankern könnte: Einen verinnerlichten Bezug zum wahren Wert eines Produkts, einer Leistung. Man sollte versuchen, Vertrauen damit zurückgewinnen, indem man nachvollziehbar und bewertbar über jenes in Kenntnis gesetzt wird, was leider häufig eher mit einem Vertrauensverlust belegt ist: Das wahre Wissen um die Höhe der Marge(n), die man aufschlägt, um Gewinne zu generieren. Wir erachten es als geradezu selbstverständlich, dass die Freiheit(en) des Marktes es uns ermöglichen, dass Produkte hergestellt und verkauft sowie Leistungen erbracht werden können, bei denen Gewinne im Prinzip beliebig ausfallen können. Warum eigentlich? Würden wir wirklich noch Produkt A oder B oder C kaufen, oder Leistung D oder E in Anspruch nehmen, wenn wir im Sinne einer kulturell ausgeformten Transparenz wüssten, dass hierbei 70, 100, 200 oder X % Gewinn generiert würden und nur X % davon die reinen Kosten ausmachten? Würden wir nicht beginnen, zu vergleichen, zu überdenken und uns nicht vielleicht auch fragen, ob das alles angemesen ist? Sollte man dies in einem freien Markt nicht mehr hinterfragen? Wir haben doch in vielen anderen Kontexten unseres Lebens auch natürliche Schranken und Schwellen, die unser Miteinander regeln – normativ. Warum nicht bei Gewinnen – im Allgemeinen wie im Besonderen?
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Ein neues Bewusstsein über Gewinne an Produkten und Leistungen

Wäre es nicht so, dass man sich, wenn man wüsste, was die Gewinnmargen sind, viel mehr mit den Produkten auseinandersetzen würde, ja fast schon müsste? Wir beklagen z.B. zu Recht, dass der Neoliberalismus eine degenerierende Ausprägung der kapitalistischen Wirtschaftsform ist, aber begegnen wir ihm wirklich mit offenen Augen? Erkennen wir beim Kauf des Kühlschranks, Notebooks, Autos, der Einbauküche usw., welche konkrete Form der Herstellung dahinter steckt? Wollen wir es überhaupt erkennen? Oder wollen wir doch nur konsumieren? Gewiss, diese Gedanken mögen unbequem oder auch moralisch sein, auch wenn sie ebenfalls nicht neu sind, aber sie müssen (wieder) dauerhaft ins Bewusstsein gelangen, da hinter allen Produkten eben eine Herstellung steht und mit dieser ein Vertrauen in den Kapitalismus im Besonderen in bezug auf das konkrete Produkt, wie im Allgemeinen in bezug auf das System der Herstellung von Waren an sich, verbunden ist.

Der Umstand, dass man die Profitgier vieler Unternehmen geißelt, hat ja auch damit zu tun, dass wir im Kontext der Herstellung eines Produkts beispielsweise die Verlagerung von Arbeitsplätzen in externe Gebiete zwar wahrnehmen und i.d.R. selten begrüßen, aber zugleich eher selten wissen, wie sich dies effektiv auf die Preisstruktur der Leistung, des Produkts im Sinne der Transparenz auswirkt. Ahnen und Fühlen tun wir es sicher. Auch scheint es eine Chimäre zu sein, dass Verlagerung von Arbeitsplätzen per se immer Kosten sparen würde. Dies wissen wir heute. Aber das würde den Rahmen hier sprengen. Lassen wir diesen Aspekt daher außen vor. Aber eines muss als gesetzt gelten: Es geht ganz klar Vertrauen verloren. In das System. In Unternehmen. Auch in uns.

Ausdrücklich sei an dieser Stelle darauf verwiesen, dass sich auch immateriell generierte Produkte dieser Tranzparenz stellen sollten. Und man möchte einwenden, dass es dort fast noch notwendiger wäre…

Entscheidend sollte sein, dass eine kulturell verankerte Transparenz über Herstellungskosten/Leistungskosten und Gewinne angestrebt wird. Gewiss, Gewinne sind per se nichts Schlechtes; damit dies nicht missverstanden wird. Sie sind notwendig. Um (wieder) investieren zu können. Um innovativ sein zu können. Auch, um als Unternehmer vernünftig leben zu können. Keinen Widerspruch. Betonung aber auf vernünftig. Doch wenn die Systeme so ausgelegt, daß man diese Transparenz nicht oder kaum hat und man weiß, dass z.B. Menschen für Hungerlöhne an der Produktion beteiligt sind, dann schwindet eben auch das Vertrauen in die Herstellung und damit in den Hersteller.

Was wäre so schlimm daran, wenn Unternehmer A für seine Produkte 1, 2 und 3 oder Unternehmer B für seine Leistungen 4 und 5 offenlegt, dieses und jenes Verhältnis von Kosten und Gewinn zu haben? Eigentlich nichts, möchte man meinen. Vielleicht steckte aber ein Unbehagen in ihnen, daß man sie dann ab einem bestimmen Level als (zu) gierig bezeichnen könnte? Das würde sicher so sein. Aber genau DIES wäre es, was anzustreben ist: Ein Rückkoppelungsmechanismus, der sich einer (normativen) Ethik verpflichtet sieht. Einer Ethik, die ein auskömmliches Miteinander einer größtmöglichen Anzahl von Menschen ermöglichen würde. Nicht eine, die nur Teile partizipieren läßt.

Auch wenn das Bestimmen eines normativen Schwellenwertes für Gewinne im Kontext der hier erwähnten Transparenz schwierig ist, so würde diese Maßnahme aber einen erweiterten Bezug zu Produkten und Leistungen ermöglichen und zugleich könnte man damit wieder Vertrauen zurückgewinnen oder auch neu schaffen. Letztliche müsste aber zusammenhängend und systemisch daran gearbeitet werden, dass man verlorenes Vertrauen auf den unterschiedlichsten Terrains wieder erlangt.

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Von der unseriösen Seriösität

Man kennt sie, die hier und dort, mal energisch oder lakonisch, mal statirisch oder melancholisch artikulierten Bedenken und Wertungen von Mitmenschen, dass diese oder jene Individuen, diverse Institutionen oder Organisationen sowie mancherlei Medien qua status unseriös seien. Aber was ist dieses Unseriöse eigentlich? Kann man es fassen? Hat es einen Wesenskern? Oder ist es vielleicht nur (noch) eine Worthülse? Wer oder was lässt einen Inhalt unseriös erscheinen? Wie kommt es, dass man einem institutionellem Gebilde -per se- attestiert, dass es seriös/unseriös wäre?

Das Wort seriös, das aus dem frz. stammt, aber auch auf das lat. serius bzw. mlat. seriosus fußt, bedeutet, dass etwas/jemand ernsthaft, [vertrauens]würdig sei. Es müsste also ein Vertrauensverhältnis zwischen A und B bestehen; zudem müsste(n) sich A oder B, oder A und B als würdig erweisen, um als seriöswahrgenommen werden zu können. Und letztlich sollte auch ein Hauch oder Strauch an Ernsthaftigkeit von A oder B oder von beiden verkörpert werden. Wenn wir es noch ein wenig pathetisch(er) verorten wollen, dann bemächtigen wir uns noch des Dudens und erweitern die Bedeutung noch um hehre Attribute wie tugendhaft, wahrhaftig oder authentisch.

#1

Nicht wenige werden vermutlich der Springer-Presse, vornehmlich in Morphe der BILD, attestieren wollen, dass diese gewiss unseriös sei und dass das einstig liberalste Blatt Europas, DIE ZEIT, mit an Sicherheit grenzender Absolution seriös ist. Aber schon an einem ganz simplen Umstand müsste man hier Fragen aufwerfen, denn während man die ZEIT als Reputations- und Zitatequelle in einer sozialen Schicht A oder als Individium des Typs B bemüht, bemüht man die BILD als Reputations- und Zitatequelle in der sozialen Schicht C bzw. als Individum des Typs D. Vorgemachte Vereinfachung soll nur Anschauungszwecken dienen; es ist klar, dass es unzählige soziale Schichten, Typen von Individuen und Medien gibt. (Anm: Es soll an dieser Stelle jetzt auch keine Verortung von Reputation erfolgen; dies würde den Rahmen hier sprengen.)

Gemein ist beiden Schichten/Typen, dass sie implizit den jeweiligem Medium vertrauen. Aber warum sollte man nun eigentlich nur jenen, die (im Bsp.) der ZEIT vertrauen, attestieren, dass sie bzw. das Medium seriös sind -man berücksichtige immer auch die Wechselwirkung zwischen beiden- und jenen, die der BILD vertrauen bzw. die BILD als solches als unseriös verorten? Folgt diese Verortung nicht ein wenig dem Schema Schwarz/Weiß? Ist dies zweckmässig? Zulässig mag es sein. Die persönliche Wertung, dass Informationen, die man aus einem Medium rezipiert, qua status als seriös/unseriös bezeichnet werden können, erscheint unter diesem Gesichtspunkt doch ein wenig vage, denn ist es nicht so, dass diese Subsumierung nach dem Prinzip sozialer Kontextuierung und Hierarchisierung erfolgt? Sprache versucht ja im Allgemeinen immer den größtmöglichen Nenner abzubilden Werden von daher vielleicht Semantiken kolonialisiert? Durch Verschiebung ihrerselbst von eher denotativ verorteten und allgemein gültigen Bedeutungen hin zu eher konnotativ verorteten, die dann einseitigere Lesarten spiegeln würden – im Bsp. also seriös eher nur unter dem Gesichtspunkt des Bildungsbürgerlichen deuten, das andere Inhalte, die nicht so wichtig und würdig sind, dann abwertet bzw. ihnen das Vertrauen entzieht.

#2

Warum gelten z.B. Arte und Phönix (bei vielen) per se als seriös? Ist es nicht das gleiche System, das hier greift, also eher eine Betrachtung/Wahrnehmung aus der jeweiligen sozialen, kulturellen und geistigen Dispostion und Konstitution heraus? Ist dies nicht ein Dilemma, dass sich im Zuge der sprachlichen Nutzung und Verortung nicht selten herausstellt, dass man sie falsch, psychologisch fehlleitend oder unsachgemäß verwendet (hat), obwohl man sie scheinbar korrekt gebraucht (hat)? Wer gibt die Kontexte, die Konnotativa des sprachlichen Wirkens denn vor? Dies geschieht doch i.d.R. durch den Gebrauch der Sprache durch alle Schichten. Wenn dies aber so ist, dann gibt es doch aber sicher auch genügend, die Arte und Phönix nicht als seriös verorten und dafür Vox oder RTL II eher mit dem Seriösem verbinden. Kann man diese vollumfängliche Attribuierung (für ein Medium, hier einen TV-Sender) überhaupt seriös machen? Wenn z.B. die  dctp auf Vox, RTL oder Sat.1 ihre Programme zeigt, negiert sich dann nicht schon allein die Behauptung, dass diese Medien per se unseriös sind?
#3
Oder bedenken wir, wie bedenkenlos schnell viele Menschen jemanden der in einer Bank arbeitet und als Berater im Anzug daherkommt, das Attribut seriös zuschreiben. Zugleich dürfte er auch noch als vertrauensvoll gelten, da er ja in einer Bank arbeitet. Wohingegen sicher nicht wenige einen Berater, der in Bermuda-Shorts und Strohut seine Beratung anbieten würde, als eher unseriös verorten würden; trotz, dass er in einer Bank arbeitet – das System Bank, das wiederum für viele per se als Garant für Vertrauen steht, wirkt hier (auch) anders, als im Falle des Repräsentanten im Anzug. Nicht anders würde es sich mit einem Manager einer beliebigen Firma während eines Meetings verhalten, bei dem es um „Ernsthaftes“ geht; in diesem Outfit wirkt er so, in jenem so…  

Gemein ist beiden „Berater-Typen“, dass sie die Attribuierung seriös/unseriös i.d.R. schon erhalten, ehe sich überhaupt der konditionale Prozess des Bildens von Vertrauen entwickeln kann. Das inflationäre Verwenden von solcherart Vorschusslorbeeren durch meist bewussten Fehlgebrauch im Sinne von konnotativen Zuweisungen mit verzerrten, unscharfen Bedeutungen ist methodisch expressis verbis unseriös, denn es schafft weder Vertrauen, noch ist es würdig, noch kann man ihm ernsthafte Absichten bescheinigen.

Welche Überlegungen, Anregungen, vielleicht Schlüsse könnte man aus den skizzierten Beispielen nun machen? Sprache ist etwas Organisches, etwas, das sich stets verändert. Dies bedingt auch, dass sich ihre Bedeutung verändern kann. Aber ein neuralgischer Punkt hierbei ist, dass man Bedeutungen nicht so verschieben sollte, dass das Allgemeingültige, das Konsensbildende verloren geht bzw. kaum mehr erkennbar ist. Es scheint problematisch, Attribuierungen auf Systeme „auszuweiten“, denn diese haben immer Wechselwirkungen und sind damit unschärfer zu fassen. Der Blickwinkel, aus welchem man Sprache gebraucht, kann ihre Wirkung nicht nur beeinflussen, er kann sich verzerren.

Müsste man nicht wieder eine schärfere Trennung in der Sprache anstreben? Sind Vermischungen verschiedener Nomenklaturensysteme tatsächlich ein Gewinn für das Allgemeine, für das Verständliche? Benutzt die Nomenklatura ihre Nomenklatura als Mittel zum Zweck? Warum wird es immer schwieriger, das Fundament eines Rechtsstaates, zu erfassen bzw. zu verstehen? Liegt dies wirklich „nur“ an den (auch) immer komplexer werdenden Systemen und Verhältnissen? Hat nicht auch die dortige Nomenklatur maßgeblichen Einfluss darauf?

Maßgeblich für die Konstituierung und das organische Wachsen eines Gemeinwesens, das jeder (Rechts)Staat unabdingbar benötigt, um sich entwickeln zu können, ist Öffentlichkeit. Und diese Öffentlichkeit, die wird zu großen Teilen über Leitmedien wie Fernsehen, Radio und Zeitungen (sowie exponentiell steigend via WEB) hergestellt. Allen Medien gemein ist der Gebrauch von Sprache. Dass genau hier einer der Kernpunkte liegt, liegt auf der Hand, denn die Sprache, die man medial transportiert und transponiert die vermag es ja erst, diese Öffentlichkeit(en) zu kanalisieren. Von daher ist es elementar, dass die Schaffung von Öffentlichkeit expressis verbis seriös fundiert ist. Dass man derzeit sehr inständig daran glaubt, dass man Rettung (von Staaten, Banken etc.) mit Geld erreichen kann, zeigt ja nur auf groteskeste Weise, wie wenig Vertrauen, also wie wenig Seriösität derzeit herrscht. Ist dies Zufall? Wie sprechen Regierungen zu ihren Völkern? Sprechen sie überhaupt, oder reden sie nur? Konstituiert sich das politische System maßgeblich im Mantel der Würde? Genau die wäre es doch, die, expressis verbis, das Seriöse charakterisieren würde…

Infos zu diesem Fragment:
Bullshit-Index:  0.22
( http://www.blablameter.de )
Angeblich verfasst im Schreibstil von:  Sigmund Freud
( http://www.faz.net/f30/aktuell/WriteLike.aspx )

Lob des Analphabetentums (Reprise)

19. Dezember 2011 Hinterlasse einen Kommentar
Als ich heute morgen während der (digitalen) Zeitungslektüre auf einen Artikel stieß, der von einem Arbeiter im Hamburger Hafen berichtete und für den es ein riesiges Problem ist, dass er befördert werden soll, da schoss es mir wieder durch den Kopf: Es gibt, nicht nur in unserem Land, eine nicht unerhebliche Anzahl von Menschen, denen es nicht vergönnt ist, die scheinbar selbstverständlichen Techniken des Lesens und Schreibens so zu beherrschen, als dass man sagen könnte, sie können „normal“ Lesen und Schreiben; ergo spricht man bei diesen Menschen davon, dass sie funktionale Analphabeten sind. Laut einer Studie der Universität Hamburg betrifft dies in Deutschland ca. 7,5 Millionen Menschen (Altersgruppe 18-64). Auf den ersten Blick dachte ich, dass dies ein Tippfehler im Artikel wäre – es können doch unmöglich so viele sein. Wenn man sich in diesem Kontext dann noch vergegenwärtigt, welche Altersstruktur wir in Deutschland derzeit haben, dann beschleicht einen doch ein leichtes Gefühl der Beklemmung, denn diese Altersgruppe macht „nur“ ca. 50-55% der Gesamtbevölkerung aus. Für die andere Hälfte steht zu vermuten, dass hier ein nicht minder geringer Anteil ausgemacht werden muss. Ein Gesamtanteil von 11-13 Millionen (die Altersgruppe 0-10 habe ich hierbei ausgeklammert) dürfte man also als realistisch annehmen. Also ca. jeder 7. Mensch in Deutschland kann nicht ausreichend Lesen und Schreiben.

« Noch größer ist die Gruppe derjenigen, die zwar lesen und schreiben können – aber allenfalls auf Grundschulniveau. ‚Diese Menschen können vielleicht eine Boulevard-Zeitung lesen. Sie drücken sich aber so weit wie möglich darum, irgendetwas schreiben zu müssen‘, erklärt Ute Koopmann, Vorsitzende des Arbeitskreises Grundbildung beim Deutschen Volkshochschul-Verband. »

Dass Hans Magnus Enzensberger im Jahr 1985 einen Essay mit dem Titel dieses Beitrags hier schrieb, ist nun auch schon wieder mehr als ein viertel Jahrhundert her, aber wenn man es recht bedenkt, dann ist dieses -für viele sicher eher nebensächliche- Thema aktueller denn je – mehr noch: es müsste im Streben nach einer  digitalen pólis  zur einem der Kernthemen werden, denn im digitalen Raum dürfte es noch problematischer sein, wenn jemand nicht ausreichend Lesen und Schreiben kann. Das partizipatorische Element des Individuums in der Moderne ist unzweifelhaft mit diesen Kernkompetenzen verknüpft und steht und fällt mit diesen.

An dieser Stelle reflektiere ich gerade nochmals, dass Enzensberger in seinem Essay damals schrieb, dass die Gruppe der Analphabeten ja nie präsent ist, dass sie nie zur Stelle ist, wenn man von ihr (wie jetzt hier gerade auch) redet bzw. schreibt. Wie recht er doch hat(te) – und leider eben mehr denn je. Die Moderne scheint vom Imperativ  Digital  derart verblendet, dass sich -im Prinzip als (zynisches) Paradoxon- die Gruppe der Analphabeten in der (hochentwickelten) Moderne eben nicht verkleinert, sondern vergrößert hat. Weltweit wird der hehre Siegeszug des Digitalen von „Revolution“ zu „Revolution“ gefeiert und als Aushängeschild für den menschlichen Fortschritt mehr als gern und blumig bemüht. Dass es der sich formenden  digitalen pólis  der letzten 10-15 Jahre offenbar nicht gelungen ist bzw. gelingt, die Mittel ihrerselbst, die sie Zweifels ohne hätte, auch dafür zu verwenden, dass sie signifikant dazu beiträgt, zu versuchen, eben das Analphabetentum, im durchaus idealistisch zu sehenden Ansatz, auf die Quote Null zu bringen, lässt einen durchaus etwas in Ratlosigkeit zurück.

Setzen wir vielleicht doch ein wenig den Focus zu eng, zu speziell und vernachlässigen die Basis dessen, was man mit dem für mich vehement zu verteidigenden Humanismus einst mal als Selbtverständlichkeit verband, nämlich Attribute wie Toleranz, Gewissensfreiheit, Gewaltfreiheit und Würde. Ist es wirklich das Selbstverständis der Moderne, dass sie ihren Nachwuchs z.B. darauf trimmt, dass sie ihm (neue) Kernkompetenzen wie Handhabung von technischen Geräten (Pad-Computing, Smartphones, App-Computing, Clouding usw.) mehr als nahe legt und geradezu einfordert, dass dieses das neue (metaphysische) Mantra eines sich formenden Individuums werden soll. Ein i-Individuum in der i-Welt sozusagen.

Könnte es nicht sein, dass die (akademische) Moderne auch auf eine gewisse Art eine riesige Dotcom-Blase ist, da sie sich immer mehr von ihren einstigen Wurzeln, aus denen sie schließlich mal hervorgegangen ist, entfernt und deren anthropologisches Bodenreich, in welchem diese gewöhnlich Halt f(a/i)nden, gefühlt deutlich erodieren lässt?

Wäre es nicht denkbar, ja in Strenge fast schon nahe liegend, dass die traurige Entwicklung eines sich aus heutiger Perspektive leider nur noch als konstant steigend zu bezeichnenden Analphabetentums (u.a.) eine niemals hinzunehmende Kehrseite der Abwendung vom Humanismus mit seinen Werten ist? Können Neoliberalismus, Technokratie und, als Kehrseite der Medaille von gefühlt unendlicher Flexibilität und Anpassung, zunehmender Verzicht auf kulturelle Identität wirklich ein Gegenmodell zum Humanimsus bilden?

Ist es nicht würdelos genug, dass es in einer aufgeklärten Gesellschaft möglich ist, dass Abermillionen von Menschen nicht in dem Umfang am gesellschaftlichen Leben partizipieren können, wie es doch selbstverständlich sein sollte? Muss nicht konstatiert werden, dass Fragen der Toleranz sich teilweise auch ad absurdum führen, da innerhalb der  digitalen pólis  gerade diese immer mehr verdrängt wird – Menschen die Zweifel oder Skepsis an den digitalen Segnungen offenbaren werden nicht selten als per sé technikfeindlich oder schlicht nicht mehr zeitgemäß verortet. Setzt man sich wirklich noch gewissenhaft mit diesen Dingen und Zusammenhängen auseinander? Oder ist es nicht doch mehr die Huldigung einer Mode, die man, von verschiedenen (digitalen) Imperieren, versucht konformistisch zu etablieren?

Und wenn wir an dieser Stelle auf die Gruppe der Analphabeten blicken, die sich im Allgemeinen wie im Besonderen unzweifelhaft nur sehr eingeschränkt in gesellschaftliche Dialoge einbringen können, da diese meist Lese- und Schreibkompetenz erfordern, dann muss doch jedem klar werden, dass dies einfach nicht akzeptabel ist, dass dem so ist. Nicht nur, weil ethische und moralische Prinzipien dies gebieten, sondern vornehmlich deshalb, weil hier Potentiale von Menschen einfach so als inexistent gelten (müssen); und dies meist nur, weil diese nur unzureichend die Möglichkeit hatten, sich entsprechend ihrer mit Sicherheit zahlreich vorhandenen Ideen einbringen zu können.

Dieses Thema sollte künftig höher priorisiert werden und vielleicht gelingt es, in Zusammenarbeit mit meinen Kollegen hier im GnBK, auch etwas Sinnvolles in dieser Richtung zu initiieren. Es kann niemals im Interesse einer Gesellschaft sein, dass nicht geringe Teile ihrerselbst mehr oder weniger abgehängt sind. Mir ist gleichwohl bewusst, dass gerade auch das Urteil des Bundesfinanzhofs vom August diesen Jahres im Hinblick auf die Absetzbarkeit von Steuern für Ausbildungszwecke hier ein Meilenstein im negativen Sinne gesetzt hat, denn im Rahmen dieses Urteils wurde (auch) höchstrichterlich festgestellt, dass die (akademische) Ausbildung primär nicht mehr dazu da ist, um sich im Sinne des Humanismus zu bilden, sondern vornehmlich dem Zweck dient, entsprechend mehr Einkommen zu erzielen. Auf konnotativer Ebene erklärt der Staat ja damit auch, dass er sich nicht mehr primär dem Menschenbild des Humanismus als Bildungsziel verpflichtet sieht. Die neoliberalen Formen von Effizienzstudiengängen lassen hier grüßen.

Abschließend möchte ich noch einräumen, dass ich, während ich diese Zeilen hier verfasste, doch auch ein wenig nachdenklicher geworden bin, denn letztlich kann und darf es keinen  Grund dafür geben, dass Menschen nicht Lesen und Schreiben können. (Anm: ausgenommen sind unabänderbare Dispositionen eines Individuums) Auch wenn mir der Essay von Enzensberger aus 1985 im Gedächnis war, so habe auch ich mehr oder weniger ausgeblendet, dass gerade die letzten 20-30 Jahre u.a. dazu geführt haben, dass es zwar scheinbar immensen Fortschritt auf diversen Feldern gab, aber dass dieser einhergeht mit einem dramatischen Rückschritt auf eben einem Feld wie der Bekämpfung des Analphabetentums. Das digitale Zeitalter bringt also auch eine ganze Reihe von Herausforderungen mit sich, denen es sich zu stellen gilt…

Infos zu dieser Reprise:
Bullshit-Index:  0.18
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Angeblich verfasst im Schreibstil von:  Sigmund Freud
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Die Finanzbra(n)che – Ein Traum wider des Spielens

Wenn man dieser Tage die Medienlandschaft durchforstet, könnte man versucht sein, den Eindruck zu gewinnen, dass die Zeit reif wäre für eine Neuausrichtung des (Finanz-)Marktes, für eine Neufestsetzung der Spielregeln im Spiel des Mammons mit sich selbst oder mit dem, wofür er auf Papier zu stehen vermag: Diverses Eigentum. Die dieser Tage, Wochen und Monate und in immer kürzeren Abständen einberufenen medialen Politshows zur angeblichen Rettung des Euros, der Finanzmärkte, der Geldwertstabilität werden immer grotesker und lavieren zwischen Farce und völliger Ahnungs-/Hilflosigkeit. Man möge sich bitte mal ins Gedächtnis rufen, dass das erste Rettungspaket für Griechenland vor knapp 1,5 Jahren geschnürt worden ist, dass die letzte Finanzkrise lt. deutscher Medienlandschaft und Politik ja hierzulande bestens überstanden worden ist und dass die Wirtschaft wieder so richtig, aber sowas von richtig brummt. Warum dann immer wieder neue Hiobsbotschaften? Irgendetwas kann ja wohl an der, nennen wir es mal euphemistisch leicht fehleranfällige Informationspolitik nicht ganz stimmen, aber das soll hier nicht das Thema sein.

Einen sehr bemerkenswerden Artikel konnte man dieser Tage auf SPIEGEL Online lesen: (vgl. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,775060,00.html) – Er schließt mit dem Satz, dass vielleicht das Spiel bald nach neuen, chinesischen Regeln gestart werden könnte… Ich dachte kurzzeitig eine wundervolle ironische Brechnung, fast ein Clou am Ende eines in meinen Augen wirklich mal lesenwerten Artikels, weil er so unprätentiös das IST beschreibt und mögliche Szenarien skizziert, ohne dramatisch im Duktus zu werden. Aber der Autor meinte das wohl ernst – und sicher nicht zu Unrecht. Aber was ich nun vermutet hätte, traf nicht ein: Ein Aufschrei, ein Gegenargumentieren, ein offenes Artikulieren, dass wir dies doch eigentlich nicht wollen (können), denn wenn ich es recht erinnere, ist China jetzt nicht unbedingt das Musterland des Kapitalismus, oder? Wo bleiben die ewigen Mahner der elitären FDP, der Verfechter der freien Finanzmärkte, der rechtskonservativen Lager aller Schattierungen, die ganzen neoliberalen Jünger, die sich darüber echauffieren, empören und exaltieren, dass hier dem Kommunismus eine Avance gemacht wird, dass man es für möglich hält, dass ein (neues) Spiel nach den Regeln eines „Anführers“ stattfindet, der einer Gesellschaftordnung vorsteht, die doch eigentlich immer als grundfalsch deklariert wird oder worden ist, der, was Demokratie betrifft, eine sicher etwas andere Auffassung davon hat, als wir Europäer oder auch die Amerikaner. Es verblüfft etwas, dass das alles so einfach im scheinbaren Nichts „untergehen“ kann, ohne dass es substantiell erwidert/rezipiert wird. Oder sind die Thesen/Szenarien etwa so abstrus, dass man sich damit nicht befassen will? Oder steht man mit dem Rücken doch näher an der Wand, als man es wahr haben will? Das lassen wir mal dahingestellt sein, denn auch das soll nicht der eigentliche Kern sein, um den es hier primär gehen sollte…

Denn eine der Überlegungen, die man im Kontext der ganze Finanzbra(n)che auch haben müsste, ist doch auch die, wie es (u.a.) möglich war, dass sich der gesamte Finanzsektor überhaupt derartig fehlentwicklen konnte, dass eine Blase nach der anderen zu platzen droht und für das ein oder andere Debakel sorgt bzw. dem größeren Unheil den Weg zu ebnen scheint. Dass es die vielzitierte Loskopplung von der Realwirtschaft gegeben hat, das weiß heute wohl jeder, dass diese Loskopplung etwa das 30-35 fache des globalen BIP beträgt, vielleicht nicht jeder. Mit anderen Worten: Es ist mehr als 30x soviel (fiktives) Geld im Umlauf, wie real erwirtschaft wird. Eine etwas lose, aber recht informative Zusammenstellung zu diversen Daten und Fakten diesbezüglich kann man hier http://www.banklounge.de/fileadmin/data_archive/pdf/Pelz-Krise-04.pdf nachlesen. Aber, und nun kommen wir zum Kern, auf den hier aufmerksam gemacht werden sollte, wie war diese Entwicklung denn möglich? Früher musste man Bilanzen von Hand schreiben, anpassen, oder Transaktionen (auf Papier) vorbereiten und planerisch umsetzen etc. Und heute? Da wird ALLES über den ONLINE-Handel der Börsen gesteuert. Jeder Wimpernschlag im Wirtschaftsraum Welt führt automatisch dazu, dass dieses System reagiert. Jede Medienmeldung führt dazu, dass dieses System reagiert. Es sind ja scheinbar nur noch ein paar Klicks am Computer und schon geht das Spiel wieder los, und schon werden die Regeln angewandt, die man sich auferlegt hat. Ob dabei (u.a.) nun nach Basel 1, 2 oder 3 verfahren wird, dies spielt keine so große Rolle, denn das Regelwerk ändert nichts am System der ECHTZEIT, am System der Transaktionen, das nur noch von einer handvoll Menschen überhaupt gesteuert wird und wohl auch werden kann. Selbst die Staaten und Regierungen sind diesem Spiel ja scheinbar hilflos ausgesetzt.

(c) Silvan Wegmann  

Jetzt mag man einwenden, dass es doch aber in erster Linie das nationale oder internationale RECHT wäre, was die Steuerung der Finanzmärkte reguliert, oder? Ja, oder was reguliert die Finanzmärkte tatsächlich? Ist es nicht ein wenig verblüffend, dass es keinerlei, aber auch absolut keinerlei nennenswerte Bestrebungen gibt, den MECHANISMUS der Finanzmärkte zu beeinflussen? Fast alle aktuellen Spekulation gegen die Krisenländer, gegen den Euro-Raum, laufen doch über das System des Online-Handels der hiesigen Börsen ab, oder? Wie haben Staaten Anfang/Mitte des letzten Jahrhunderts ihre Finanzmärkte denn überwiegend gesteuert? Sicher, Börsen gibt es schon länger (etwa seit dem 17. Jahrhundert), aber selbst wenn wir deren Existenz mal nicht weiter hinterfragen wollen, funktionierten sie früher nach anderen Maßstäben; auch oder besser gerade auf die Transparenz in den Märkten bezogen …

Zeit, dass der Finanzsektor einer Generalüberholung bedarf, ist es schon mehr als lange, aber diese Überholung muss zwingend dazu führen, dass das Spielen endlich aufhört, dass diese Finanzbranche sich wieder dem Realen verschreibt und nicht eine Brache nach der anderen generiert. Unfassbar in diesem Zusammenhang ist hierbei noch, dass es nun auch mitten in Europa Länder gibt, in denen Menschen beginnen in größerem Ausmaß -expressis verbis- zu hungern. (vgl. Griechenland). Wenn das Spiel so weit gehen kann, ob mit versuchter Rettung oder ohne, dann hat es jede Legitimation verloren. Man darf wohl den Traum haben, dass der Casino-Kapitalismus schnellstens fällt; in jedem Falle eher fällt, als die Notenbanken beginnen Geld zu pressen – im großen Stil, wie immer, wenn es kriselt(e) im Spiel…

Infos zu diesem Artikel:
Bullshit-Index: 0.16
( http://www.blablameter.de )
Angeblich verfasst im Schreibstil von: Melinda Nadj Abonji
( http://www.faz.net/f30/aktuell/WriteLike.aspx )

(G)Rußzeichen des Mohnisters

5. Juni 2011 10 Kommentare
Liebe Leser,
werte Kabinettskollegen,

ich, der graufarbene Mohnister mit roten und schwarzen Punkten, die sich asymmetrisch über der Oberfläche verteilen, möchte Sie im neu eingerichteten Ministerium für Luzide Kunst und dissipatives Träumen (MiLuKuDiT) Politik, Literatur und Sprache (PóLiS) [Anm: es gab eine ministerielle Umstrukturierung] aufs Herzlichste begrüßen. Bitte sehen Sie mir den Umstand nach, dass meine (G)Rußzeichen erst heute ins Licht der Öffentlichkeit aufsteigen, aber von einem kann ich mich dann doch nicht befreien: Meinem Hang zu Tagträumereien. So kam es, dass ich im Halbtraum bereits die 2 Beiträge verfasst hatte, ehe ich mich nun den (f/n)ormalen Gepflogenheiten widme…In Anlehnung an meine Kurzbeschreibung im Header möchte ich mir erlauben, zu ergänzen, dass ich unter Präsenz keineswegs verstehe, dass man stetig präsent ist, denn eines ist ja gerade in diesem Ressort hier unabdingbar: Zeit für Reflexion(en), Zeit zum Wirken lassen, Zeit zum Träumen. Es wird also, so hoffe ich, keineswegs der Fall sein, dass ich Sie, liebe Leser und Sie, liebe Kollegen, hier inflationär behelligen werde. Mein Ziel soll es sein, eine gewisse Wirkungsmächtigkeit zu entfalten, die, dies ist mir sehr wichtig, im ZUSAMMENSPIEL mit den anderen Ressorts dazu einlädt, über diesen oder jenen Aspekt vielleicht ein wenig (mehr) nachzudenken. Denn eines wollen wir doch sicher alle: Uns wohlfühlen! Letztlich können meine Kollegen und ich Ihnen aber auch nur ein paar Instrumente mit in die Hand geben; ob Sie daraus eine Komposition zu erschaffen vermögen, dies obliegt dann doch wiederum ein wenig dem Einzelnen.

Vielleicht machen Sie an dieser Stelle mal eine kleine Pause, und widmen sich (auch) den Themen meiner Kabinettskollegen, die sich der Lautmalerei bzw. der Liebe verschrieben haben; ich bin mir gewiss, dass Sie dann später auch diese Grußnote hier weiter überfliegen werden; serielles Lesen und Rezipieren ist nicht immer das Optimum :-) — Sehr ans Herz legen möchten ich Ihnen bei dieser Gelegenheit aber auch noch unser Presseorgan hier im GnBK, die Gladbeckskaja Pravda, welches einen wertvollen Beitrag zum Durchblicken in unseren Zeiten leistet…

Wichtig erscheint mir auch, anzumerken, dass Sie hier vordergründig Gedankenfragmente lesen werden, dass Sie hier keine vorgefertigten Meinungen, keine druckreifen Elaborate oder Sonstiges präsentiert bekommen (oder auch bekommen sollen), die Sie dann „nur“ noch übernehmen brauchen. Ich könnte hier etwas polemisch anmerken, dass wir ja hierfür genügend Medien haben, deren „Reputation“ darauf beruht, dass man sie zitiert. — Ich glaube eher an die Enzensbergersche Radiotheorie, also daran, dass jeder heute zum Sender werden kann und dass die herkömmlichen Medien damit durchaus ein Gegengewicht bekommen (können/sollen). Wie stark dieses Gegengewicht denn ausfällt, dies hängt auch damit zusammen, wie präzise, wie leidenschaftlich, wie gründlich jeder Einzelne von uns hier arbeitet, sprich publiziert. Eine Meinung zu haben, ist das Eine, sich eine Meinung zu bilden schon etwas Anderes. Ein Schwerpunkt wird also darin liegen, dass Standpunkte/Sichtweisen zu Themen, denen man sich hier widmet, transparent und nachvollziehbar dargestellt werden. Das heißt ja keineswegs, dass man DIESE Art der Bearbeitung dann teilen muss.

Es soll -dies ist zumindest ein Ziel- darum gehen, dass man Aspekte spiegelt, die bisher noch nicht so entfaltet worden sind, oder die -warum auch immer- selten oder auch gar nicht thematisiert worden sind. Zudem: In einer Zeit, in der die Polemik als (tlw.) alleiniges Stilmittel im „Tages-Journalismus“ (gefühlt) immer noch zu sehr präsent ist, kann es nicht schaden, wenn ihr (weitere/andere) Kontrapunkte entgegnet werden. (Anm: Die Broders, Fleischauers, Matusseks & Co. dieser Welt sehen die Aufklärung nun gewiss nicht immer als die eigentlich doch zu [be]achtende Maxime an…)  Und, ja, es geht durchaus auch um ein Stück Unabhängigkeit …

Eine weitere Sache liegt mir noch sehr am Herzen: Ich bin seit vielen Jahren uneingeschränkter Befürworter, Sympathisant aber auch Skeptiker eines Bedingungslosen Grundeinkommens und ich habe -nach wie vor- den Traum, dass wir bis Ende dieses Jahrzehnts die Einführung eines solchen realisieren können; aus meiner Sicht am liebsten gleich auf europäischer Ebene. Ein Alleingang Deutschlands oder eine Einführungs-Troika aus D/AUT/CH halte ich nicht für das Optimum. Dieses Thema mutet aber -warum auch immer- vielen immer noch als Utopie an; als eines, bei dem es zwar nett und hübsch ist, dass sich ein paar Menschen dafür engagieren, aber für wirklich realisierbar halten es viele dann doch eher nicht. Viele scheinen innerlich (noch) nicht überzeugt davon zu sein, dass das BGE ein wirklich lohnender Wechsel in der (Lebens)Perspektive sein kann, dass das BGE den Sozialstaat auf ein gänzlich neues Plateau stellen könnte. Warum eigentlich? Es wird also in losen Abständen auch das ein oder andere Schlaglicht zu diesem Thema hier geben, da es eben sehr viel mit dem Träumen zu tun hat und zudem die Lebenskunst auf eine Basis stellen könnte, die auch die von mir favorisierte dissipative Gesellschaftsstruktur voran treiben könnte…

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In diesem Sinne,
Herzlichste Grüße übermittelt
Mohnister arso