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Archive for the ‘Hommage’ Category

In memoriam: Günter Gaus

14. Mai 2012 7 Kommentare

Ich möchte an diesem Tag an eine Persönlichkeit erinnern, die mich geprägt hat, wie kaum eine zweite im Rahmen meines Lernens über das, was ein Gespräch auszeichnet bzw. was es transportieren soll(te): Günter Gaus. Heute vor 8 Jahren verstarb er leider viel zu früh und hinterließ -sicher nicht nur bei mir- eine Lücke in der medialen Wahrnehmung der Gesprächskultur, die in meinen Augen nie (wieder) geschlossen werden konnte und vielleicht auch auf absehbare Zeit kaum mehr geschlossen werden kann.

Als Gaus im April 1963, also vor fast 50 Jahren, mit seiner Sendereihe „Zur Person“ im ZDF auf Sendung ging, da konnte wohl niemand ahnen, wie nachhaltig, wie lebendig er das Genre des Gesprächs im Medium TV verändern würde. Ich möchte mir an dieser Stelle denn auch große, ausufernde Worte ersparen, denn sie waren weder seine Sache, noch könnten sie überhaupt das beschreiben, was er mir bedeutet. Alljährlich gedenke ich still an diesem Tag dem für mich mit Abstand besten Interviewer, den das (deutsche) TV jemals hervorgebracht hat.

Wenn man berücksichtigt, wie die Dramaturgien heutiger Interviews und Gesprächsrunden mit ihren geskripteten Fragen, die vorher alle gegengeprüft worden sind und die kaum mehr das Moment des wahrhaft (nach)denkenden Menschen zu zeigen vermögen, abgespult werden, dann sehnt mir nach einer Instanz, die beharrlich, aber mit Respekt, die vorbereitet, aber dramaturgisch frei, die kontextsensitiv und empathisch eine Atmosphäre zu schaffen vermag, in der man sich auf Augenhöhe begegnet und die (auch) sokratisch nach dem Neuen sucht, während Fäden gesponnen werden bzw. diese aufgegriffen werden… dann sehnt mir nach einer Instanz, die zwischen den Zeilen zu lesen und zuhören zu vermag, die artikuliert, was mit Worten (manchmal) kaum gesagt werden kann, aber was in den Gesichtern des Gesprächspartner doch (auch) geschrieben steht – ohne sie bloßzustellen.

Lieber Günter Gaus, ich wünschte mir, dass das ZDF all seine unter dem Label „TV-Talk“ laufenden Formate einmal für einen Monat einstellen würde und dass dafür Wiederholungen Ihrer Sendungen gezeigt würden. Es wäre keine Vermessenheit, wenn man die These aufstellen würde, dass diese mehr Inhalt und Substanz hätten, als das Nihil der derzeit dort gezeigten Sprechblasenrunden mit Model(l)-Charakter an Inszenierungen. Erlauben Sie mir daher eine letzte Frage: Wäre es wirklich in Ihrem Sinne gewesen, dass scheinbar niemand mehr diese Schätze der Gesprächskultur vollumfänglich wahrnehmen kann? Eben dieses ZDF wiederholt zwar nahezu jeden Firlefanz und stellt (gefühlt) jede noch so große Banalität in seiner Mediathek zur Schau, aber wahre Kunstfertigkeiten werden nicht mehr abgebildet und öffentlich zugänglich gemacht. Schade, sehr schade, wie ich finde! Aber ich bin unendlich glücklich, dass es Sie gab und dass ich so viel von Ihnen lernen konnte …

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Kategorien:Hommage, Sprache, ZDF

Alexander Kluge (Verneigung)

Es scheint, als sei das Leben immer schnelllebiger geworden, es scheint, als sei das Zeitalter, in welchem wir leben, immer beschleunigender in seiner Entwicklung. Man glaubt, dies zu fühlen, man glaubt, dies zu spüren oder denkt, es zu wissen, aber ist dem tatsächlich so? Wilhelm von Humboldt schrieb einst, dass die Zeit nur ein leerer Raum sei, dem erst Begebenheiten, Gedanken und Empfindungen Inhalt geben würden. Ein Gefühl für Zeit zu entwickeln oder sich ihres Seins, ihres Fortschreitens, ihres unsichtbaren Mahnens zu vergewissern, hängt also gewiss nicht unwesentlich davon ab, was und wie Menschen (etwas) erleben, was und wie sie denken und was und wie sie empfinden bzw. wahrnehmen.

Zuweilen (mancher sicher auch häufiger) fragt man sich von daher, ob es sinnvoll, ob es bereichernd ist, wenn man eben dieses Erlebte, diese Erdachte & Gedachte, dieses Empfundene und Wahrgenommene in Relation(en) zueinander setzt – dergestalt, als dass man dadurch beispielsweise fundierte, nachvollziehbare Quellen dafür liefern könnte, dass z.B. das Erlebte eines Menschen im Mittelalter unmittelbare Bezüge zum eigenen Leben in der Postmoderne hat(te) und wir daraus wiederum etwas für uns ableiten könn(t)en? War die Art des Denkens in der Renaissance ähnlich zeitfüllend wie jene während der Zeit des Humanismus? Empfand Herodot bei seinen Geschichtsschreibungen ähnlich wie Hegel, als dieser seine (und frühere) Zeiten beschrieb? Was bleibt, wenn man die fast schon zyklischen Erregungszustände moderner Gesellschaften nur randständig betrachtet und stattdessen nach neuen Charakteristika in ihrem Wesen sucht oder versucht, sie in bisher nicht bekannte Zusammenhänge zu setzen – beispielsweise enthoben ihrer Zeit? Wie verhält es sich nun mit der Kälte, die seit (gefühlt) unendlich langer Zeit auf dem Pferd ihren Ritt durch die Zeiten und Welten macht und sardonisch darüber lächelt, dass man sich nicht traut, sie eben von diesem zu reißen?

Man könnte die Reihe der Fragen, die sich viele an der ein oder anderen Stelle sicher schon gestellt haben, gewiss beliebig erweitern, aber auf eines könnte man sie wohl immer (auch) reduzieren: sie suchen immer (auch) nach etwas Neuem. Ganz der philosophischen Tradition von Neugier und Skepsis, die die Anfänge von so vielem bilden, suchen Sie, lieber Alexander Kluge, in den Dingen, in den Kontexten, in denen sie eingebettet sind, stets nach etwas Neuem, nach etwas, das man so bisher noch nicht vernetzt hat(te) bzw. es so verortet hatte. Sie verknüpfen Altes mit Neuem, Neues mit Neuem und Altes mit Altem und erschaffen hierbei Gärten der Erkenntnis, neue Ebenen für Reflexionen und Neugier Weckendes. Parallel hierzu erschaffen Sie eine Art Navigationsstruktur, mit der man durch Ihre Gärten, die immer auch Teil und Reflexion unserer Welt sind, mäandern kann. Zugleich können wir in Ihrem Denken und Fühlen, das wiederum immer (auch) Dünger für diese Gärten ist, immer wieder feststellen, dass diese Gärten, die da erschaffen worden sind, eben damit auch natürlichen, biologischen Prinzipien folgen. Es ist etwas Organisches, auch wenn es zunächst (scheinbar) in der Sphäre des Geistigen verortet wird. Auch wenn diese Gärten sicher eher Kleinode sind, sie gedeihen und blühen prächtig. Aber, fast noch wichtiger, sie vermögen es unzählige Arten von Bienen anzuziehen. Und diese Bienen, die sammeln reichlich Nektar, die verweilen und ruhen dort und tanken damit auch wiederum Kraft für ihre Flüge – darunter vielleicht für einen auf das Meer, um die Schönheit der Gärten auch mit Abstand und zugleich Rauschen unter sich wahrnehmen zu können, vielleicht auch für einen, um etwas von ihrem Nektar einzuschenken – denen, die auf dem Land ihrem Summen lauschen, oder die sich von seinem Duft betören lassen wollen, um damit inspiriert zu werden, Dinge neu zu entdecken, Dinge zu vernetzen, Dinge neu zu erschaffen.

Dass Sie und die von Ihnen gegründete dctp hierbei einen ausgezeichneten Gärtner abgeben, dies braucht man eigentlich kaum mehr zu erwähnen. Auch haben Sie sich oft die Unbefangenheit des Kindes bewahrt, das zuweilen unerschrocken, doch meist sokratisch gießt, ähm fragt und zudem dabei lacht und lernt. Wüssten wir nicht, dass Sie ein Polyhistor allerersten Ranges wären, wir könnten manchmal denken, Sie seien die Verkörperung eines Mythos. Wir wissen, dass Sie diese Beschreibung sicher eher ablehnen würden, da es eine Ihrer weiteren wunderbaren Eigenschaften ist, dass Sie unglaublich bescheiden und uneitel sind, oder, um es mit Ihren eigenen Worten zu sagen, Sie haben von Ihrer Mutter die Fähigkeit der Senkung der Ich-Schranke mit in die Wiege gelegt bekommen. Mehrfach haben Sie betont, dass Ihr Schaffen und Wirken ohne Ihre Mitarbeiter, ohne Ihre Freunde nicht möglich gewesen wäre. Und dafür gebührt Ihnen eine ganz besondere Verneigung, denn es gibt wohl kaum ein anderes Medienunternehmen, das derartig einzigartig seinen Weg geht. Und dies geht natürlich in der Tat nur, wenn man ein Team ist. Insofern ist es auch ein Glücksfall, dass Sie unter ihrem Dach bzw. in Ihrem persönlichen Umfeld diese Menschen versammelt haben/versammeln konnten.

Es war einer Ihrer Wünsche, dass Sie sich anlässlich Ihres besonderen Ehrentages mal 2-3 Tage Ruhe gönnen, mal nicht arbeiten wollten. Man kann es sich zwar irgendwie kaum vorstellen, dass ein so rastloser Mensch wie Sie, dies dann auch tatsächlich umsetzt, aber sei’s drum. In jedem Fall möchte ich mir erlauben, Ihnen aus tiefstem Herzen und tiefster Dankbarkeit für Ihr Sein, für Ihr Schaffen, für Ihr Wirken (m)eine sanftmütige, aber ehrfurchtsvolle Verneigung zukommen zu lassen. Sie, und Ihre dctp waren und sind mir immer ein Leuchtturm gewesen und dieser Leuchtturm, der soll, nein muss!, noch verdammt lange leuchten. Und die angrenzenden Gärten, die auf den Meeren, vor seinen Augen, beheimatet sind, die über seiner Spitze, im Himmel, die Wolken umranken, die auf dem Land ungerade an Gott grenzen und musizierenden Blumen, die vielleicht auch Dinge sind, beim Gedeihen ein Hort sind, werden wir bewahren und pflegen – auf dass ihr Reichtum, ihr Blühen, das unendlich viel mehr wert ist, als jede Summe Mammon, die ist, oder jemals sein wird, niemals vergehen wird!

Infos zu dieser Verneigung:
Bullshit-Index:  0.10
( http://www.blablameter.de )
Angeblich verfasst im Schreibstil von:  Georg Wilhelm Friedrich Hegel
( http://www.faz.net/f30/aktuell/WriteLike.aspx )