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Archive for the ‘Medien’ Category

Schavans Gewissensbisse oder Warum der akademische Vertrieb neu justiert werden sollte…

Business as usual

Da schwabbte sie wieder mal über uns herein, die mediale Erregungswelle des prämodernen Internetzeitalter. Losgetreten durch einen Abtrünnling von VroniPlag begann die Welle sich allmählich zu nähren, bis sie als winziger Empörungstsunami dem ein oder anderen Medium das Quotenloch zu füllen schien. Selbst das Leitmedium der Öffentlich-Rechtlichen sah sich im Zugzwang und berichtete in den 20-Uhr-Selektionen über das Anspülen dieser neuen Welle der Erregung im Volk. Die Bundesbildungsministerin, Frau Prof. Dr. Schavan, schien also eindeutig des Plagiierens überführt und das ginge ja nun mal überhaupt nicht: „Eine Betrügerin.“, „Eine Hochstaplerin.“, „Rücktritt!“, wurden laut. Sie wurde in abenteuerlichen Rankings des Plagiierens aufgenommen, sie wurde mit dem Copy-and-Paste-Kaiser zu Guttenberg verglichen, sie wurde mit unzähligen Attributen und Meinungsäußerungen konfrontiert, die mehr oder weniger „nur“ Kritik, Missbilligung oder Unverständnis ausdrückten. Das ist grundsätzlich legitim, aber ob es dem Sachverhalt wirklich gerecht wird, dies muss man zumindest anzweifeln. Warum?

Verfehlte Politik, weniger verfehltes Wissenschaftliches Arbeiten

Weil all die, die sofort „Rücktritt!“ oder „Betrügerin“ skandierten, komischerweise nicht selbigen forderten, als Frau Schavan ihre elitären, neoliberalen Bildungsideale politisch durchsetzte, oder das Einführung von Exzellence-Clustern als Mittel der aggressiven Selektion manifestierte, oder sie die Studiengebühren einführte, sich für deren Ausbau stark machte und unverhohlen das 2-Klassen-Bildungssystem massiv „förderte“. Auch blieben diese Stimmen stumm, als Frau Schavan die Hochschulen, ganz in Anlehung an die neoliberalen Ausbeutungsmuster, immer mehr dazu trieb, dass sie Wissesnschaftler und Lehrende zu Bedingungen einstellen mussten, die man nur noch als Farce bezeichnen kann. Da fand und findet ein Ausverkauf von Forschung und Lehre statt; auf dem Rücken von hochausgebildeteten Menschen. Das Einzige, was Frau Schavan zu aufkommender Kritik bzgl. dieser Generierung eines „Forschungs-Prekariats“ einfiel, war, dass dafür die Länder, in denen die Unis, Hochschulen lägen, selbst zuständig wären. Zynismus in Reinform – mit dem lächelnden Gesicht der Hardlinerin übermittelt.

Bei all diesen Ausverkäufen von Bildung, Forschung und Lehre, da blieben die Stimmen stumm, da gab es kaum Empörung, da skandierte keiner „Verräterin“ oder „Widerstand“ oder „Rücktritt“. Es gab und gibt unzählige Gründe, für die man Frau Schavan hätte einen Rücktritt nahelegen können und müssen; z.B. weil Sie eben keine BUNDES-Bildungspolitik macht, sondern eine SELEKTIONS-Bildungspolitik; aber jenen zu fordern, weil sie -ohne Zweifel- plagiiert hat, ist doch etwas verkürzt gedacht. Aber es ist wohl etwas bequemer und einfacher, sich auf einen schon fahrenden Zug aufzuschwingen und dann mal lauthals die Lieder mitzusummen, die das Fahrgeräusch schon von sich aus macht. Und moralisch zeigt man sowieso immer lieber eher auf andere. Das ist zwar menschlich aber fein ist es eben auch nicht. Fein, wird der ein oder andere jetzt denken, fein war/ist sie ja auch nicht, sie hat plagiiert. Das ist richtig. Keinen Widerspruch. Aber man sollte die Sache (auch) mal analytisch betrachten…

Randnotizen zum Wissenschaftlichen Arbeiten

Das Promotionsverfahren ist etwas Besonderes. Man wird in den Kreis der Wissenschaftler aufgenommen, man wird eben promoviert. Im Promotionsverfahren beweist der Promovend, dass er selbstständig wissenschaftlich Arbeiten/Forschen kann und dabei sowohl formale, als auch ethische Curricula zu berücksichtigen vermag. Da ist nichts Neues. Das ist seit Jahrhunderten so. Und ja, es ist auch gut so, dass diese systemische Komponente (noch) nicht verloren gegangen ist – trotz der massiv zunehmenden Durchökomomisierung im akademischen Betrieb. Was die formalen Kriterien betrifft, so muss man im Rahmen der Dissertation, wie in jeder sonstigen akademischen Arbeit aber auch, dafür Sorge tragen, dass Quellen, die man verwendet, auch als solche zu erkennen sind. Dies muss schon allein aus dem Grund erfolgen, da man erkennen können muss, in welchem Umfang jemand selbst gedacht hat, oder ob er eben einen Bezug zu einer Quelle beleuchtet, oder ob er zitiert, um damit zu diesem oder jenen überzuleiten oder etwas zu belegen, oder etwas zu untermauern usw. Das Verwenden von Quellen ist notwendige und hinreichende Vorraussetzung jedes wissenschaftlichen Arbeitens. Diese werden i.d.R., wie eine Art Netzstruktur, mit den eigenen Erkenntnissen und Ausführungen verwoben und führen dann im „Regelfall“ zu neuen Erkenntnissen. Man kann z.B. Quellen als Thesen verwenden, um dann zu falsifizieren oder damit Untersuchungen beginnen usw… Wenn man all das zuvor Erwähnte nun berücksichtigt und ernst nimmt, dann stellt sich sofort dar, dass die Dissertation Schavans z.B. in KEINEM Fall mit der von zu Guttenberg verglichen werden kann. Zu Guttenberg war es „gelungen“ die Webstruktur so zu perfektionieren, dass er OHNE nennenswertes eigenes Zutun eine Art von Pseudo-Erkenntnissen zu generieren vermochte, die logisch schlüssig und auch kohärent waren, aber die eben NICHT darauf beruhten, dass er (überwiegend) eigenständig zu Erkenntnissen gelangt ist. DAS ist der kleine, aber dramatische Unterschied zwischen Schavan und zu Guttenberg, denn Schavans Diss. lässt sehr wohl erkennen, dass sie eigenständig Dinge und Sachverhalte durchdacht, bewertet und verwoben hat. Daran besteht für mich kein Zweifel. Richtig ist aber auch, dass Schavan Quellen verwendet hat, für die sie KEINE Angabe gemacht hat, oder die sie so verwoben hat, dass der Eindruck entstanden ist/sein kann, es wären ihre eigenen Erkenntnisse. Das ist grundsätzlich -mit Verweis auf die normativen Curricula- nicht einfach so tolerierbar – als Kavaliersdelikt oder „unsauberes“ Arbeiten. Man muss hier schon sehr genau hinschauen.

Das Erkennen und Einordnen von Plagiaten

Schavans Dissertation ist aus dem Jahr 1980. Sie entstammt also einem Zeitalter, in welchem das Internet und seine Möglichkeiten noch unbekannt waren. Die erste Bemerkung, die hierzu gemacht werden muss, ist, dass allzugern die Maßstäbe angelegt werden, die heute das Paradigma bilden. Man sollte also, wenn man fair, objektiv und (auch) wissenschaftlich sein will, die Maßstäbe anlegen, die 1980 das Paradigma verkörperten. Es muss nicht zwingend so sein, dass beide Maßstäbe (1980 und 2012) gleich sind. Wissenschaftiches Arbeiten heißt auch, dass es Veränderungen organisch spiegelt. Ganz allgemein. Der Kanaon dessen, was man heute gemeinhin als Plagiat bezeichnet, entspricht nicht zwingend dem, was 1980 ein Plagiat war. Ein Grundproblem war und ist es immer gewesen, AB WANN man eben von einem Plagiat sprechen kann. Das indirekte Zitieren, in Morphe des Paraphrasierens, ist eben NICHT normativ so geregelt, dass man eine Art Anleitung hätte, nach der man nun wie auf einer Abhakliste feststellen kann, dass diese oder jene Ausprägung dann automatisch als Plagiat überführt werden kann. Zudem sollte man bedenken, dass es sehr wohl (auch) möglich ist, dass man Passagen selbst so verfassen kann, dass diese dann Ähnlichkeiten zu Textstellen haben, die den Eindruck erwecken, dass es Plagiate wären, obwohl es keine sind; einfach weil die Art der Textstrukturen Similaritäen aufweist, die sich durch Kontexte in gewisser Weise „zwangsläufig“ so entwickeln können.

Des Weiteren muss im Kern immer (auch) mitberücksichtigt werden, ob nicht angegebene Quellen wirklich dazu führ(t)en, dass man vorgenommene „Verarbeitungen“ sonst hätte anders bewerten müssen. Wenn also jemand „nur“ auslässt, dass eine Passage von Quelle X stammt, aber darauf aufbauend dieses und jenes gefolgert hat, dann ist dies schon noch etwas (qualitativ) anderes, als wenn man eine Passage von Quelle X nicht angibt und die Quelle selbst als (gewonnene) Erkenntis „dient“. Dass es ein formales Fehlverhalten ist, steht natürlich außer Frage, aber es muss auch die qualitative Ebene beachtet werden.

Ab wann nun aber die Summation von formalem Fehlverhalten, wenn es „nur“ solches war, trotzdem dazu führen muss und sollte, dass man nicht mehr sagen kann, dass jemand wissenschaftlich exakt, im Sinne der eingangs erwähnten Curricula, geforscht hat, dies ist eineindeutig nicht zu beantworten, denn es ist schlicht NICHT geregelt. Es gibt keine normativen Standards, die sagen, dass ab der Anzahl X [in %] von „ausgelassenen“ Quellen eine Dissertation eben nicht mehr „haltbar“ ist. Das ist nicht nur bedauerlich, sondern DAS ist der eigentliche Skandal, den man viel dezidierter beleuchten sollte. Warum gibt es keine Standards? Was ist seit zu Guttenberg geschehen? Ist es nicht so, dass immer mehr Unis/Hochschulen dazu übergehen, dass sie Plagiate nur noch per Software prüfen? Reicht dies? Kann eine Software wirklich so tief prüfen, wie es eigentlich notwendig wäre? Das Erkennen von Plagiaten stellt höchste fachliche Anforderungen; aber in den diversen Erregungwellen zu den zahllosen vermeintlichen „Plagiatoren“ wird immer recht schnell und undifferenziert von vielen attestiert, dass er/sie ein Plagiator ist. Aber auch der akademische Betrieb trägt hier eine Mitschuld, denn das Selbstverständis von akademischer Transparenz war und ist mehr als zweifelhaft.

Eine akademische Neujustierung (auch in der Transparenz) täte Not

Wäre die Universität Düsseldorf klug gewesen, dann hätte sie ein öffentliches Verfahren zur Überprüfung aller als Plagiat bezeichneten Textstellen sowie möglicher noch nicht gefundener Textpassagen, die nicht als Quelle angegeben worden sind, angestrebt. Die Uni hat die einmalige Chance verpasst, dem akademischen Betrieb eine Neujustierung zu verpassen, die in der öffentlichen Wahrnehmung eine Transparenz hätte erzeugen können, die es vielen ermöglicht hätte, zu verstehen, worum es tatsächlich geht. Man hätte einfach nur das Selbstverständnis medial steuern und streuen müssen.

Nähmen wir an, dass die UNI Düsseldorf einfach (zusätzlich) 3 UNIs damit „beauftragt“ hätte, die Dissertation von Frau Prof. Dr. Schavan zu überprüfen. Öffentlich. Mit all der Transparenz in der (Be)Wertung, WARUM diese oder jene Textstelle nun ein Plagiat sei, oder eben auch nicht. Was wäre dies für ein Gewinn für die wissenschaftliche Kultur gewesen; hätte dieses Verfahren doch eben der Öffentlickeit auch das Verfahren des Erkennens und Einordnens an sich, welches gewiss nicht einfach ist, offengelegt und damit wiederrum auch für Außenstehende erkennbar gemacht, dass es so einfach eben nicht ist… Mit öffentlich ist hier aber gemeint, dass es zugänglich in der Eruierung ist; es soll nicht heißen, dass „hinter“ den Gutachtern bei ihrer Arbeit nun die Öffentlichkeit „sitzen“ soll.

Stattdessen hat(te) man sich für eine Art Hinterzimmervariante entschieden. Intransparent. Elitär. Dass Frau Schavan inzwischen auch noch in einer durchaus als unangemessen zu bezeichnenden Art und Weise -juristisch- (re)agiert hat, ist zudem unverständlich, denn es schadet dem Wissenschaftsbetrieb als solchen. Und dies kann niemals gut sein.

Mo-der-ne Erregungen

10. April 2012 3 Kommentare

Mo-der-ne Erregungen

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Beständig inhaltsleer
Schwappen Wellen der Erregung
Reflexartig in unsere vernetzten Lebensräume.
Sie tragen Mahner der Weisheit auf ihren spiegelnden Oberflächen
Welche uns für Augenblicke blendend umarmen – mit ihrer rhetorischen Akrobatik
Die sich des sophistischen Spiels bedient – um wieder zu erzeugen:
Leere, die gefüllt werden muss – mit Erregung
Die übers Land schwappen soll
Beständig inhaltsleer.
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© arso

Das Politbüro bittet zu Tisch

Aus der lupenreinen Demokratur ist derzeit zu vernehmen, dass Wladimir Putin mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wieder die Rolle des Präsidenten mimen darf. Es ginge nur noch darum, mit welchem Ergebnis er die Wahl gewinnen würde. Dieses Bild wird in vielen Medien Europas, darunter auch deutschen, derzeit skizziert. Ob diese Aussicht tatsächlich das spiegelt, was in Russland gedacht und gefühlt wird, kann ich leider nicht beurteilen, da mir dafür (leider) die Basis an Informationen fehlt, aber die Tatsache, dass im größten Land der Welt der Sieger einer Wahl bereits vorher festzustehen scheint, wirft in mir ein winziges Gedankenexperiment an:  Wie wäre es, wenn sagen wir mal im Herbst diesen Jahres feststehen würde, dass Bundeskanzlerin Dr. Merkel als Siegerin der Bundestagswahl 2013 bereits feststehen würde und es in den kommenden Tagungen des (Öffentlichkeit herstellenden) Politibüros nur noch darum ginge, wie stark und mit welchen Mitteln sie ihren Rivalen von der SPD deklassieren wird. (Anm: Über einen anderen Gegenkandidaten braucht man sich in D gewiss keine Sorgen zu machen; der gemeine Deutsche liebt die duale Beständigkeit über alles.)
Das Politbüro, das hier tagt, soll dabei mal so verortet werden, dass es Schönbergs 12-Ton-Musik orchestral abbildet; der Transparenz halber werden nachfolgend die Töne noch visualisiert:
Wir ergänzen noch um SPIEGEL und STERN – fertig ist unser modernes, politisches Ensemble.

Dass dieses Gremium dazu in der Lage ist, harmonische Klänge zu erzeugen, sollte bekannt sein, wenngleich auch stark dissonante Einzeltöne durchaus immer wieder ihren Reiz haben. Nein, mehr noch, sie hauchen dem Ensemble erst die Wärme ein, die es bedarf, um mit dem inneren Klingen in Kontakt zu treten. Aber dies sei nur am Rande erwähnt.

Also, wir haben mal wieder Herbst in Deutschland. Leicht stürmisch, aber dennoch entspannt ist die Lage im Volk. Ein paar Scharmützel aus dem Sommer werden noch hier und da  diskutiert, verarbeitet und verdrängt. Das Medium mit der größten Reichweite, das Fernsehen, lässt über seine Münder kolportieren, dass das Politbüro (PB) der Deutschland AG wieder seine Arbeit aufgenommen hat; wie meistens in den kälteren Monaten des Jahres. Kurz darauf wird öffentlich, dass das PB einstimmig beschlossen hat, dass Dr. Angela Merkel als Siegerin aus der Bundestagswahl 2013 hervorgehen wird. Es gäbe keinen Zweifel mehr an ihrem Sieg, da ihre Macht unerschütterlich sei.

In der Folge werden reihenweise Konzerte des Politbüros in den deutschen Landen abgehalten, um die Nähe zum Volk zu wahren. Diese werden frenetisch vom Publikum gefeiert. Während man in Bayern das Ohr besonders für die rechtsschwingenden Melodien spitzt, wird im Osten eher den linksdrehenden Sätzen des Stücks gelauscht. Die Völker des Nordens lieben das Understatement der mittleren Töne und die Overtüre besonders. Westlich wird einfach in rheinischer Tradition das Humorige und das Groteske im Stück aufgesogen; dafür wird auch mal in den Kirchen der katholischen Schiefebene ein Spectaculum a’la „Gospel mit dem Politbüro“ ins Leben gerufen. Das Land ist in Aufregung; es wird gelacht, getanzt und debattiert.

Viele sagen, dass sie zwar nicht so ganz zufrieden damit wären, dass die Frau Doktor noch mal ans Ruder käme, aber man müsse ja schließlich die Meinung der Mehrheit akzeptieren. Und wenn die Lage so klar wäre, dann bliebe ja keine andere Wahl. Anderen meinten, dass sie dies für ein abgekartertes Spiel des PB hielten und verwiesen darauf, dass dies doch in Russland auch schon so gelaufen wäre. Aber da Deutschland nun mal abhängig von Diversem wäre, wäre es wohl nicht anders möglich. Man könne damit letztlich leben, denn ihnen ginge es ja noch relativ gut. Wieder andere sagten, dass sie der ganze Zirkus eigentlich nicht mehr interessieren würde. Erinnert wurde zwar auch, dass es mal, z.B. Anfang des Jahres, zahlreiche Bürger gab, denen es nach Veränderung trachtete, aber diese sind mehr oder weniger verschwunden. Die Krisen der letzten Jahre haben offenbar ihre Spuren hinterlassen.

Irgendwie ertappe ich mich dabei, wie ich darüber nachdenke, dass es gar nicht so abwegig ist, dass diese Projektion Realität werden könnte. Nicht nur, weil sich die PBs dieser Welt immer besser in Szene zu setzen vermögen, sondern auch, weil die neuen, sich gerade erst formierenden PBs (-> WEB) in meiner Wahrnehmung in ihren Entwicklungen etwas fehl laufen – in ihren Wirkungen, ihren sich verfestigenden Kommunikationsmustern. Sie treten z.B. nicht selten nur als Reflex auf prozessuale Entwicklungen auf, anstatt diese inhaltlich und systematisch auszuleuchten (-> wird meist mit der Flosskel „komplexe Systeme und Zusammenhänge“ begründet) oder sie erzeugen -durch ihre „Echtzeit“- Erregungszustände, oder sie spiegeln Realitäten oft auch nur aus den Blickwinkeln, aus denen die bisherigen PBs ihre Concertos gewöhnlich anstimmen. Das sind nicht unbedingt Gewinne für die Kultur eines demokratischen Partizipierens.

Last, but not least, sollte noch erwähnt werden, dass die momentan in den USA stattfindenden Pre-Elections ebenfalls etwas davon haben, was man in Russland als mehr oder weniger gesetzte Realität betrachten kann/könnte: Das (scheinbare, gesicherte) Feststehen von Siegern bei Wahlen lange vor der eigentlichen Wahl. Wer die Berichterstattung dort verfolgt, der sieht gewiss (auch) Parallelen zu Russland. Insofern sind sich lupenreine Demokratur und superfeine Milikratur in einigen Aspekten gar nicht so unähnlich. So, nun trinke ich aber erst mal einen Tee und gehe dann spazieren im Schnee – oder vice versa.

Infos zu dieser Glosse:
Bullshit-Index:  0.13
( http://www.blablameter.de )
Angeblich verfasst im Schreibstil von:  Sigmund Freud
( http://www.faz.net/f30/aktuell/WriteLike.aspx )

Die existentiellen Sorgen des ZDF

Man konnte heute hier lesen, dass man sich beim Zweiten Sorgen macht. Sorgen darum, dass „viele“ Nutzer, die die Nachrichtenversorgung dahingehend ersetzt hätten, als dass sie Neuigkeiten, die ARD und ZDF auf deren Facebook-Präsenzen feilbieten, als Ersatz für eine bisherige Versorgungen betrachten und nun möglicherweise (bald) ohne grundständige dastehen könnten. Dies ist natürlich schon schlimm genug, aber es wird auch noch bemängelt, dass Facebook doch tatsächlich künftig Geld dafür verlangt, dass Inhalte werbefrei präsentiert werden sollen. Angeblich sind die Erkenntnisse, die die Verschiebung der Versorgung betreffen durch zahlreiche „Untersuchungen“ fundiert belegt. Ob diese vom ZDF selbst durchgeführt worden sind, oder ob man fremde aufgewertet hat, bleibt allerdings im Vagen; die Artikelquelle (SPON) hat leider auch keine Verweise auf die sicher sehr interessanten Stadien dieser beängstigenden Entwicklung aufgezeigt.Sind die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten nicht mehr als gut beraten, wenn sie ihre „News“ nicht (zwingend) auf Facebook präsentieren? Jeder Internetnutzer, der Facebook erreicht, erreicht auch die Web-Präsenzen von ARD und ZDF. Es erschließt sich daher nicht wirklich, dass man als Argument ins Feld führt, dass eine partielle Nachrichtenversorgung von Menschen durch die Nutzung von Facebook und der dortigen Präsenz von z.B. „Heute“ erfolgen würde – das ist schlicht eine Farce, unzwar eine ziemlich groteske.

Dass ein Soziales Netzwerk, bei dem nie auch nur der Hauch eines Zweifels daran bestand, wofür es ins Leben gerufen worden ist, nun in etwas größerem Stile Ernst damit macht, endlich ordentlich Kasse zu machen, verblüfft natürlich unglaublich. Damit konnte nun wirklich niemand, aber auch gar niemand rechnen – sensationell, dass man dachte, dass dieses unvorstellbare Reservoir an Wissen und Kompetenz nicht vergoldet werden sollte. Da können sich die Damen und Herren beim Zweiten ja vielleicht noch etwas abschauen – vielleicht sitzt man dann wieder in der ersten Reihe? Man könnte beispielsweise „Prospekte“ oder „Markus Schranz“ oder „ausland jovial“ kurz überbrücken und das Produktplacement, das meistens vor Beginn konstruktiv und wertneutral in die Thematik einführt, durch eine geringfügige Emittierung von diversen Parteibüchern altmodern ausrichten und launig bei ein oder zwei Marketingblöcken mit den Followern auf Facebook ins Gespräch kommen. Dass hierbei psychologische Wirkungen entständen, ließe sich durch die passenden Verwerfungen entkräften, die man parallel dazu auf dem Schwestersender ARD fermentiert. Let’s Dance – it’s your (last) Chance!

Man wird das Gefühl nicht los, dass in den öffentlich-rechtlichen Anstalten, die natürlich messerscharf Politik und Programm voneinander zu trennen vermögen -kein einziger Redakteur, Chefredakteur oder Leiter von Dienst arbeitet(e) dort (jemals) mit einem Parteib(r)uch- die Götterdämmerung bereits wesentlich heiterer eingesetzt hat, als man dies bisher erahnen konnte. Dies nährt die Hoffnung, dass es in ferner Vergangenheit wieder ethische Standards geben wird, die knallharte Fakten moralischer Instanzen wahrhaftig spiegeln werden – als Vorbild für das vom Abbruch ergriffene Volk. Sicher wird hierbei die aufschlussreiche Kommunikation mit den Followern, die, Gott bewahre uns davor, dass sie mehr als 140 Zeichen beträgt, ihre goldenen Früchte des Vetrauens tragen und essentiell und nachhaltig zu einem Umtrunk führen – mit den Dritten schlürft’s sich einfach schicker – als wiederkäuender Ticker… Prosit!

Infos zu dieser Glosse:
Bullshit-Index:  0.23
( http://www.blablameter.de )
Angeblich verfasst im Schreibstil von:  Sigmund Freud
( http://www.faz.net/f30/aktuell/WriteLike.aspx )

 

Von der unseriösen Seriösität

Man kennt sie, die hier und dort, mal energisch oder lakonisch, mal statirisch oder melancholisch artikulierten Bedenken und Wertungen von Mitmenschen, dass diese oder jene Individuen, diverse Institutionen oder Organisationen sowie mancherlei Medien qua status unseriös seien. Aber was ist dieses Unseriöse eigentlich? Kann man es fassen? Hat es einen Wesenskern? Oder ist es vielleicht nur (noch) eine Worthülse? Wer oder was lässt einen Inhalt unseriös erscheinen? Wie kommt es, dass man einem institutionellem Gebilde -per se- attestiert, dass es seriös/unseriös wäre?

Das Wort seriös, das aus dem frz. stammt, aber auch auf das lat. serius bzw. mlat. seriosus fußt, bedeutet, dass etwas/jemand ernsthaft, [vertrauens]würdig sei. Es müsste also ein Vertrauensverhältnis zwischen A und B bestehen; zudem müsste(n) sich A oder B, oder A und B als würdig erweisen, um als seriöswahrgenommen werden zu können. Und letztlich sollte auch ein Hauch oder Strauch an Ernsthaftigkeit von A oder B oder von beiden verkörpert werden. Wenn wir es noch ein wenig pathetisch(er) verorten wollen, dann bemächtigen wir uns noch des Dudens und erweitern die Bedeutung noch um hehre Attribute wie tugendhaft, wahrhaftig oder authentisch.

#1

Nicht wenige werden vermutlich der Springer-Presse, vornehmlich in Morphe der BILD, attestieren wollen, dass diese gewiss unseriös sei und dass das einstig liberalste Blatt Europas, DIE ZEIT, mit an Sicherheit grenzender Absolution seriös ist. Aber schon an einem ganz simplen Umstand müsste man hier Fragen aufwerfen, denn während man die ZEIT als Reputations- und Zitatequelle in einer sozialen Schicht A oder als Individium des Typs B bemüht, bemüht man die BILD als Reputations- und Zitatequelle in der sozialen Schicht C bzw. als Individum des Typs D. Vorgemachte Vereinfachung soll nur Anschauungszwecken dienen; es ist klar, dass es unzählige soziale Schichten, Typen von Individuen und Medien gibt. (Anm: Es soll an dieser Stelle jetzt auch keine Verortung von Reputation erfolgen; dies würde den Rahmen hier sprengen.)

Gemein ist beiden Schichten/Typen, dass sie implizit den jeweiligem Medium vertrauen. Aber warum sollte man nun eigentlich nur jenen, die (im Bsp.) der ZEIT vertrauen, attestieren, dass sie bzw. das Medium seriös sind -man berücksichtige immer auch die Wechselwirkung zwischen beiden- und jenen, die der BILD vertrauen bzw. die BILD als solches als unseriös verorten? Folgt diese Verortung nicht ein wenig dem Schema Schwarz/Weiß? Ist dies zweckmässig? Zulässig mag es sein. Die persönliche Wertung, dass Informationen, die man aus einem Medium rezipiert, qua status als seriös/unseriös bezeichnet werden können, erscheint unter diesem Gesichtspunkt doch ein wenig vage, denn ist es nicht so, dass diese Subsumierung nach dem Prinzip sozialer Kontextuierung und Hierarchisierung erfolgt? Sprache versucht ja im Allgemeinen immer den größtmöglichen Nenner abzubilden Werden von daher vielleicht Semantiken kolonialisiert? Durch Verschiebung ihrerselbst von eher denotativ verorteten und allgemein gültigen Bedeutungen hin zu eher konnotativ verorteten, die dann einseitigere Lesarten spiegeln würden – im Bsp. also seriös eher nur unter dem Gesichtspunkt des Bildungsbürgerlichen deuten, das andere Inhalte, die nicht so wichtig und würdig sind, dann abwertet bzw. ihnen das Vertrauen entzieht.

#2

Warum gelten z.B. Arte und Phönix (bei vielen) per se als seriös? Ist es nicht das gleiche System, das hier greift, also eher eine Betrachtung/Wahrnehmung aus der jeweiligen sozialen, kulturellen und geistigen Dispostion und Konstitution heraus? Ist dies nicht ein Dilemma, dass sich im Zuge der sprachlichen Nutzung und Verortung nicht selten herausstellt, dass man sie falsch, psychologisch fehlleitend oder unsachgemäß verwendet (hat), obwohl man sie scheinbar korrekt gebraucht (hat)? Wer gibt die Kontexte, die Konnotativa des sprachlichen Wirkens denn vor? Dies geschieht doch i.d.R. durch den Gebrauch der Sprache durch alle Schichten. Wenn dies aber so ist, dann gibt es doch aber sicher auch genügend, die Arte und Phönix nicht als seriös verorten und dafür Vox oder RTL II eher mit dem Seriösem verbinden. Kann man diese vollumfängliche Attribuierung (für ein Medium, hier einen TV-Sender) überhaupt seriös machen? Wenn z.B. die  dctp auf Vox, RTL oder Sat.1 ihre Programme zeigt, negiert sich dann nicht schon allein die Behauptung, dass diese Medien per se unseriös sind?
#3
Oder bedenken wir, wie bedenkenlos schnell viele Menschen jemanden der in einer Bank arbeitet und als Berater im Anzug daherkommt, das Attribut seriös zuschreiben. Zugleich dürfte er auch noch als vertrauensvoll gelten, da er ja in einer Bank arbeitet. Wohingegen sicher nicht wenige einen Berater, der in Bermuda-Shorts und Strohut seine Beratung anbieten würde, als eher unseriös verorten würden; trotz, dass er in einer Bank arbeitet – das System Bank, das wiederum für viele per se als Garant für Vertrauen steht, wirkt hier (auch) anders, als im Falle des Repräsentanten im Anzug. Nicht anders würde es sich mit einem Manager einer beliebigen Firma während eines Meetings verhalten, bei dem es um „Ernsthaftes“ geht; in diesem Outfit wirkt er so, in jenem so…  

Gemein ist beiden „Berater-Typen“, dass sie die Attribuierung seriös/unseriös i.d.R. schon erhalten, ehe sich überhaupt der konditionale Prozess des Bildens von Vertrauen entwickeln kann. Das inflationäre Verwenden von solcherart Vorschusslorbeeren durch meist bewussten Fehlgebrauch im Sinne von konnotativen Zuweisungen mit verzerrten, unscharfen Bedeutungen ist methodisch expressis verbis unseriös, denn es schafft weder Vertrauen, noch ist es würdig, noch kann man ihm ernsthafte Absichten bescheinigen.

Welche Überlegungen, Anregungen, vielleicht Schlüsse könnte man aus den skizzierten Beispielen nun machen? Sprache ist etwas Organisches, etwas, das sich stets verändert. Dies bedingt auch, dass sich ihre Bedeutung verändern kann. Aber ein neuralgischer Punkt hierbei ist, dass man Bedeutungen nicht so verschieben sollte, dass das Allgemeingültige, das Konsensbildende verloren geht bzw. kaum mehr erkennbar ist. Es scheint problematisch, Attribuierungen auf Systeme „auszuweiten“, denn diese haben immer Wechselwirkungen und sind damit unschärfer zu fassen. Der Blickwinkel, aus welchem man Sprache gebraucht, kann ihre Wirkung nicht nur beeinflussen, er kann sich verzerren.

Müsste man nicht wieder eine schärfere Trennung in der Sprache anstreben? Sind Vermischungen verschiedener Nomenklaturensysteme tatsächlich ein Gewinn für das Allgemeine, für das Verständliche? Benutzt die Nomenklatura ihre Nomenklatura als Mittel zum Zweck? Warum wird es immer schwieriger, das Fundament eines Rechtsstaates, zu erfassen bzw. zu verstehen? Liegt dies wirklich „nur“ an den (auch) immer komplexer werdenden Systemen und Verhältnissen? Hat nicht auch die dortige Nomenklatur maßgeblichen Einfluss darauf?

Maßgeblich für die Konstituierung und das organische Wachsen eines Gemeinwesens, das jeder (Rechts)Staat unabdingbar benötigt, um sich entwickeln zu können, ist Öffentlichkeit. Und diese Öffentlichkeit, die wird zu großen Teilen über Leitmedien wie Fernsehen, Radio und Zeitungen (sowie exponentiell steigend via WEB) hergestellt. Allen Medien gemein ist der Gebrauch von Sprache. Dass genau hier einer der Kernpunkte liegt, liegt auf der Hand, denn die Sprache, die man medial transportiert und transponiert die vermag es ja erst, diese Öffentlichkeit(en) zu kanalisieren. Von daher ist es elementar, dass die Schaffung von Öffentlichkeit expressis verbis seriös fundiert ist. Dass man derzeit sehr inständig daran glaubt, dass man Rettung (von Staaten, Banken etc.) mit Geld erreichen kann, zeigt ja nur auf groteskeste Weise, wie wenig Vertrauen, also wie wenig Seriösität derzeit herrscht. Ist dies Zufall? Wie sprechen Regierungen zu ihren Völkern? Sprechen sie überhaupt, oder reden sie nur? Konstituiert sich das politische System maßgeblich im Mantel der Würde? Genau die wäre es doch, die, expressis verbis, das Seriöse charakterisieren würde…

Infos zu diesem Fragment:
Bullshit-Index:  0.22
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Angeblich verfasst im Schreibstil von:  Sigmund Freud
( http://www.faz.net/f30/aktuell/WriteLike.aspx )