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Archive for the ‘Personen’ Category

(Immer noch) Der falsche Kandidat

Ein weiser herr mit stolz im grauen gefieder –
Im rausche wallen ihm alter jahre lieder ·
Der freiheit knabe wie süßer schenke gift
Vergebens diese auf realitäten trifft.
Er lächelt den bürgern · viele woll’n ihn haben ·
Die wenigsten ahnen, dass er gräbt ein graben.
Nichts vom neoästhetischen spiel verrät
Der liberalen sicht scheinbare qualität.
Er spricht mit eloquenz · doch schweigt auch zu vielem
Und folgt im taumel prophetisch alten zielen.
In seiner arme weit ausgespannt geflecht
Winkt er herbei dem kaderverdross’nem geschlecht.
Er glaubt · er ist des weißen capitanos kind:
Dass wandel von gesinnung sich vollzieht geschwind –
Die geistige schönheit ist ein hehres gut
Solange sie leckt protestantisches blut.
Ihm sehnt modernes · nach buße kommt versöhnung
Auch wenn es mal führt ab und an zu verhöhnung.
Er mahnt · es bahnt sich leise ein schmaler weg
Hin zum garten · der tatsächlich ein geheg‘ –
In dem man jagen kann · nach freier herzenslust ·
Einzige bedingung: man kündet niemals frust.
Er erwartet hier alle · ganz ohne scheu –
Und trennt als messias weizen von der spreu.
.
( arso : in anlehnung an »darstellung« von stefan george * )
Infos zu diesem Kandidaten-Check:
Bullshit-Index:  0.08
( http://www.blablameter.de )
Angeblich verfasst im Schreibstil von:  Friedrich Schiller
( http://www.faz.net/f30/aktuell/WriteLike.aspx)
* ( vgl. George, Stefan: Ges. Werke. Bd. 13/14; Abschnitt „Baudelaire. Die Blumen des Bösen“ )

Alexander Kluge (Verneigung)

Es scheint, als sei das Leben immer schnelllebiger geworden, es scheint, als sei das Zeitalter, in welchem wir leben, immer beschleunigender in seiner Entwicklung. Man glaubt, dies zu fühlen, man glaubt, dies zu spüren oder denkt, es zu wissen, aber ist dem tatsächlich so? Wilhelm von Humboldt schrieb einst, dass die Zeit nur ein leerer Raum sei, dem erst Begebenheiten, Gedanken und Empfindungen Inhalt geben würden. Ein Gefühl für Zeit zu entwickeln oder sich ihres Seins, ihres Fortschreitens, ihres unsichtbaren Mahnens zu vergewissern, hängt also gewiss nicht unwesentlich davon ab, was und wie Menschen (etwas) erleben, was und wie sie denken und was und wie sie empfinden bzw. wahrnehmen.

Zuweilen (mancher sicher auch häufiger) fragt man sich von daher, ob es sinnvoll, ob es bereichernd ist, wenn man eben dieses Erlebte, diese Erdachte & Gedachte, dieses Empfundene und Wahrgenommene in Relation(en) zueinander setzt – dergestalt, als dass man dadurch beispielsweise fundierte, nachvollziehbare Quellen dafür liefern könnte, dass z.B. das Erlebte eines Menschen im Mittelalter unmittelbare Bezüge zum eigenen Leben in der Postmoderne hat(te) und wir daraus wiederum etwas für uns ableiten könn(t)en? War die Art des Denkens in der Renaissance ähnlich zeitfüllend wie jene während der Zeit des Humanismus? Empfand Herodot bei seinen Geschichtsschreibungen ähnlich wie Hegel, als dieser seine (und frühere) Zeiten beschrieb? Was bleibt, wenn man die fast schon zyklischen Erregungszustände moderner Gesellschaften nur randständig betrachtet und stattdessen nach neuen Charakteristika in ihrem Wesen sucht oder versucht, sie in bisher nicht bekannte Zusammenhänge zu setzen – beispielsweise enthoben ihrer Zeit? Wie verhält es sich nun mit der Kälte, die seit (gefühlt) unendlich langer Zeit auf dem Pferd ihren Ritt durch die Zeiten und Welten macht und sardonisch darüber lächelt, dass man sich nicht traut, sie eben von diesem zu reißen?

Man könnte die Reihe der Fragen, die sich viele an der ein oder anderen Stelle sicher schon gestellt haben, gewiss beliebig erweitern, aber auf eines könnte man sie wohl immer (auch) reduzieren: sie suchen immer (auch) nach etwas Neuem. Ganz der philosophischen Tradition von Neugier und Skepsis, die die Anfänge von so vielem bilden, suchen Sie, lieber Alexander Kluge, in den Dingen, in den Kontexten, in denen sie eingebettet sind, stets nach etwas Neuem, nach etwas, das man so bisher noch nicht vernetzt hat(te) bzw. es so verortet hatte. Sie verknüpfen Altes mit Neuem, Neues mit Neuem und Altes mit Altem und erschaffen hierbei Gärten der Erkenntnis, neue Ebenen für Reflexionen und Neugier Weckendes. Parallel hierzu erschaffen Sie eine Art Navigationsstruktur, mit der man durch Ihre Gärten, die immer auch Teil und Reflexion unserer Welt sind, mäandern kann. Zugleich können wir in Ihrem Denken und Fühlen, das wiederum immer (auch) Dünger für diese Gärten ist, immer wieder feststellen, dass diese Gärten, die da erschaffen worden sind, eben damit auch natürlichen, biologischen Prinzipien folgen. Es ist etwas Organisches, auch wenn es zunächst (scheinbar) in der Sphäre des Geistigen verortet wird. Auch wenn diese Gärten sicher eher Kleinode sind, sie gedeihen und blühen prächtig. Aber, fast noch wichtiger, sie vermögen es unzählige Arten von Bienen anzuziehen. Und diese Bienen, die sammeln reichlich Nektar, die verweilen und ruhen dort und tanken damit auch wiederum Kraft für ihre Flüge – darunter vielleicht für einen auf das Meer, um die Schönheit der Gärten auch mit Abstand und zugleich Rauschen unter sich wahrnehmen zu können, vielleicht auch für einen, um etwas von ihrem Nektar einzuschenken – denen, die auf dem Land ihrem Summen lauschen, oder die sich von seinem Duft betören lassen wollen, um damit inspiriert zu werden, Dinge neu zu entdecken, Dinge zu vernetzen, Dinge neu zu erschaffen.

Dass Sie und die von Ihnen gegründete dctp hierbei einen ausgezeichneten Gärtner abgeben, dies braucht man eigentlich kaum mehr zu erwähnen. Auch haben Sie sich oft die Unbefangenheit des Kindes bewahrt, das zuweilen unerschrocken, doch meist sokratisch gießt, ähm fragt und zudem dabei lacht und lernt. Wüssten wir nicht, dass Sie ein Polyhistor allerersten Ranges wären, wir könnten manchmal denken, Sie seien die Verkörperung eines Mythos. Wir wissen, dass Sie diese Beschreibung sicher eher ablehnen würden, da es eine Ihrer weiteren wunderbaren Eigenschaften ist, dass Sie unglaublich bescheiden und uneitel sind, oder, um es mit Ihren eigenen Worten zu sagen, Sie haben von Ihrer Mutter die Fähigkeit der Senkung der Ich-Schranke mit in die Wiege gelegt bekommen. Mehrfach haben Sie betont, dass Ihr Schaffen und Wirken ohne Ihre Mitarbeiter, ohne Ihre Freunde nicht möglich gewesen wäre. Und dafür gebührt Ihnen eine ganz besondere Verneigung, denn es gibt wohl kaum ein anderes Medienunternehmen, das derartig einzigartig seinen Weg geht. Und dies geht natürlich in der Tat nur, wenn man ein Team ist. Insofern ist es auch ein Glücksfall, dass Sie unter ihrem Dach bzw. in Ihrem persönlichen Umfeld diese Menschen versammelt haben/versammeln konnten.

Es war einer Ihrer Wünsche, dass Sie sich anlässlich Ihres besonderen Ehrentages mal 2-3 Tage Ruhe gönnen, mal nicht arbeiten wollten. Man kann es sich zwar irgendwie kaum vorstellen, dass ein so rastloser Mensch wie Sie, dies dann auch tatsächlich umsetzt, aber sei’s drum. In jedem Fall möchte ich mir erlauben, Ihnen aus tiefstem Herzen und tiefster Dankbarkeit für Ihr Sein, für Ihr Schaffen, für Ihr Wirken (m)eine sanftmütige, aber ehrfurchtsvolle Verneigung zukommen zu lassen. Sie, und Ihre dctp waren und sind mir immer ein Leuchtturm gewesen und dieser Leuchtturm, der soll, nein muss!, noch verdammt lange leuchten. Und die angrenzenden Gärten, die auf den Meeren, vor seinen Augen, beheimatet sind, die über seiner Spitze, im Himmel, die Wolken umranken, die auf dem Land ungerade an Gott grenzen und musizierenden Blumen, die vielleicht auch Dinge sind, beim Gedeihen ein Hort sind, werden wir bewahren und pflegen – auf dass ihr Reichtum, ihr Blühen, das unendlich viel mehr wert ist, als jede Summe Mammon, die ist, oder jemals sein wird, niemals vergehen wird!

Infos zu dieser Verneigung:
Bullshit-Index:  0.10
( http://www.blablameter.de )
Angeblich verfasst im Schreibstil von:  Georg Wilhelm Friedrich Hegel
( http://www.faz.net/f30/aktuell/WriteLike.aspx )

Das Politbüro bittet zu Tisch

Aus der lupenreinen Demokratur ist derzeit zu vernehmen, dass Wladimir Putin mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wieder die Rolle des Präsidenten mimen darf. Es ginge nur noch darum, mit welchem Ergebnis er die Wahl gewinnen würde. Dieses Bild wird in vielen Medien Europas, darunter auch deutschen, derzeit skizziert. Ob diese Aussicht tatsächlich das spiegelt, was in Russland gedacht und gefühlt wird, kann ich leider nicht beurteilen, da mir dafür (leider) die Basis an Informationen fehlt, aber die Tatsache, dass im größten Land der Welt der Sieger einer Wahl bereits vorher festzustehen scheint, wirft in mir ein winziges Gedankenexperiment an:  Wie wäre es, wenn sagen wir mal im Herbst diesen Jahres feststehen würde, dass Bundeskanzlerin Dr. Merkel als Siegerin der Bundestagswahl 2013 bereits feststehen würde und es in den kommenden Tagungen des (Öffentlichkeit herstellenden) Politibüros nur noch darum ginge, wie stark und mit welchen Mitteln sie ihren Rivalen von der SPD deklassieren wird. (Anm: Über einen anderen Gegenkandidaten braucht man sich in D gewiss keine Sorgen zu machen; der gemeine Deutsche liebt die duale Beständigkeit über alles.)
Das Politbüro, das hier tagt, soll dabei mal so verortet werden, dass es Schönbergs 12-Ton-Musik orchestral abbildet; der Transparenz halber werden nachfolgend die Töne noch visualisiert:
Wir ergänzen noch um SPIEGEL und STERN – fertig ist unser modernes, politisches Ensemble.

Dass dieses Gremium dazu in der Lage ist, harmonische Klänge zu erzeugen, sollte bekannt sein, wenngleich auch stark dissonante Einzeltöne durchaus immer wieder ihren Reiz haben. Nein, mehr noch, sie hauchen dem Ensemble erst die Wärme ein, die es bedarf, um mit dem inneren Klingen in Kontakt zu treten. Aber dies sei nur am Rande erwähnt.

Also, wir haben mal wieder Herbst in Deutschland. Leicht stürmisch, aber dennoch entspannt ist die Lage im Volk. Ein paar Scharmützel aus dem Sommer werden noch hier und da  diskutiert, verarbeitet und verdrängt. Das Medium mit der größten Reichweite, das Fernsehen, lässt über seine Münder kolportieren, dass das Politbüro (PB) der Deutschland AG wieder seine Arbeit aufgenommen hat; wie meistens in den kälteren Monaten des Jahres. Kurz darauf wird öffentlich, dass das PB einstimmig beschlossen hat, dass Dr. Angela Merkel als Siegerin aus der Bundestagswahl 2013 hervorgehen wird. Es gäbe keinen Zweifel mehr an ihrem Sieg, da ihre Macht unerschütterlich sei.

In der Folge werden reihenweise Konzerte des Politbüros in den deutschen Landen abgehalten, um die Nähe zum Volk zu wahren. Diese werden frenetisch vom Publikum gefeiert. Während man in Bayern das Ohr besonders für die rechtsschwingenden Melodien spitzt, wird im Osten eher den linksdrehenden Sätzen des Stücks gelauscht. Die Völker des Nordens lieben das Understatement der mittleren Töne und die Overtüre besonders. Westlich wird einfach in rheinischer Tradition das Humorige und das Groteske im Stück aufgesogen; dafür wird auch mal in den Kirchen der katholischen Schiefebene ein Spectaculum a’la „Gospel mit dem Politbüro“ ins Leben gerufen. Das Land ist in Aufregung; es wird gelacht, getanzt und debattiert.

Viele sagen, dass sie zwar nicht so ganz zufrieden damit wären, dass die Frau Doktor noch mal ans Ruder käme, aber man müsse ja schließlich die Meinung der Mehrheit akzeptieren. Und wenn die Lage so klar wäre, dann bliebe ja keine andere Wahl. Anderen meinten, dass sie dies für ein abgekartertes Spiel des PB hielten und verwiesen darauf, dass dies doch in Russland auch schon so gelaufen wäre. Aber da Deutschland nun mal abhängig von Diversem wäre, wäre es wohl nicht anders möglich. Man könne damit letztlich leben, denn ihnen ginge es ja noch relativ gut. Wieder andere sagten, dass sie der ganze Zirkus eigentlich nicht mehr interessieren würde. Erinnert wurde zwar auch, dass es mal, z.B. Anfang des Jahres, zahlreiche Bürger gab, denen es nach Veränderung trachtete, aber diese sind mehr oder weniger verschwunden. Die Krisen der letzten Jahre haben offenbar ihre Spuren hinterlassen.

Irgendwie ertappe ich mich dabei, wie ich darüber nachdenke, dass es gar nicht so abwegig ist, dass diese Projektion Realität werden könnte. Nicht nur, weil sich die PBs dieser Welt immer besser in Szene zu setzen vermögen, sondern auch, weil die neuen, sich gerade erst formierenden PBs (-> WEB) in meiner Wahrnehmung in ihren Entwicklungen etwas fehl laufen – in ihren Wirkungen, ihren sich verfestigenden Kommunikationsmustern. Sie treten z.B. nicht selten nur als Reflex auf prozessuale Entwicklungen auf, anstatt diese inhaltlich und systematisch auszuleuchten (-> wird meist mit der Flosskel „komplexe Systeme und Zusammenhänge“ begründet) oder sie erzeugen -durch ihre „Echtzeit“- Erregungszustände, oder sie spiegeln Realitäten oft auch nur aus den Blickwinkeln, aus denen die bisherigen PBs ihre Concertos gewöhnlich anstimmen. Das sind nicht unbedingt Gewinne für die Kultur eines demokratischen Partizipierens.

Last, but not least, sollte noch erwähnt werden, dass die momentan in den USA stattfindenden Pre-Elections ebenfalls etwas davon haben, was man in Russland als mehr oder weniger gesetzte Realität betrachten kann/könnte: Das (scheinbare, gesicherte) Feststehen von Siegern bei Wahlen lange vor der eigentlichen Wahl. Wer die Berichterstattung dort verfolgt, der sieht gewiss (auch) Parallelen zu Russland. Insofern sind sich lupenreine Demokratur und superfeine Milikratur in einigen Aspekten gar nicht so unähnlich. So, nun trinke ich aber erst mal einen Tee und gehe dann spazieren im Schnee – oder vice versa.

Infos zu dieser Glosse:
Bullshit-Index:  0.13
( http://www.blablameter.de )
Angeblich verfasst im Schreibstil von:  Sigmund Freud
( http://www.faz.net/f30/aktuell/WriteLike.aspx )

Lob des Analphabetentums (Reprise)

19. Dezember 2011 Hinterlasse einen Kommentar
Als ich heute morgen während der (digitalen) Zeitungslektüre auf einen Artikel stieß, der von einem Arbeiter im Hamburger Hafen berichtete und für den es ein riesiges Problem ist, dass er befördert werden soll, da schoss es mir wieder durch den Kopf: Es gibt, nicht nur in unserem Land, eine nicht unerhebliche Anzahl von Menschen, denen es nicht vergönnt ist, die scheinbar selbstverständlichen Techniken des Lesens und Schreibens so zu beherrschen, als dass man sagen könnte, sie können „normal“ Lesen und Schreiben; ergo spricht man bei diesen Menschen davon, dass sie funktionale Analphabeten sind. Laut einer Studie der Universität Hamburg betrifft dies in Deutschland ca. 7,5 Millionen Menschen (Altersgruppe 18-64). Auf den ersten Blick dachte ich, dass dies ein Tippfehler im Artikel wäre – es können doch unmöglich so viele sein. Wenn man sich in diesem Kontext dann noch vergegenwärtigt, welche Altersstruktur wir in Deutschland derzeit haben, dann beschleicht einen doch ein leichtes Gefühl der Beklemmung, denn diese Altersgruppe macht „nur“ ca. 50-55% der Gesamtbevölkerung aus. Für die andere Hälfte steht zu vermuten, dass hier ein nicht minder geringer Anteil ausgemacht werden muss. Ein Gesamtanteil von 11-13 Millionen (die Altersgruppe 0-10 habe ich hierbei ausgeklammert) dürfte man also als realistisch annehmen. Also ca. jeder 7. Mensch in Deutschland kann nicht ausreichend Lesen und Schreiben.

« Noch größer ist die Gruppe derjenigen, die zwar lesen und schreiben können – aber allenfalls auf Grundschulniveau. ‚Diese Menschen können vielleicht eine Boulevard-Zeitung lesen. Sie drücken sich aber so weit wie möglich darum, irgendetwas schreiben zu müssen‘, erklärt Ute Koopmann, Vorsitzende des Arbeitskreises Grundbildung beim Deutschen Volkshochschul-Verband. »

Dass Hans Magnus Enzensberger im Jahr 1985 einen Essay mit dem Titel dieses Beitrags hier schrieb, ist nun auch schon wieder mehr als ein viertel Jahrhundert her, aber wenn man es recht bedenkt, dann ist dieses -für viele sicher eher nebensächliche- Thema aktueller denn je – mehr noch: es müsste im Streben nach einer  digitalen pólis  zur einem der Kernthemen werden, denn im digitalen Raum dürfte es noch problematischer sein, wenn jemand nicht ausreichend Lesen und Schreiben kann. Das partizipatorische Element des Individuums in der Moderne ist unzweifelhaft mit diesen Kernkompetenzen verknüpft und steht und fällt mit diesen.

An dieser Stelle reflektiere ich gerade nochmals, dass Enzensberger in seinem Essay damals schrieb, dass die Gruppe der Analphabeten ja nie präsent ist, dass sie nie zur Stelle ist, wenn man von ihr (wie jetzt hier gerade auch) redet bzw. schreibt. Wie recht er doch hat(te) – und leider eben mehr denn je. Die Moderne scheint vom Imperativ  Digital  derart verblendet, dass sich -im Prinzip als (zynisches) Paradoxon- die Gruppe der Analphabeten in der (hochentwickelten) Moderne eben nicht verkleinert, sondern vergrößert hat. Weltweit wird der hehre Siegeszug des Digitalen von „Revolution“ zu „Revolution“ gefeiert und als Aushängeschild für den menschlichen Fortschritt mehr als gern und blumig bemüht. Dass es der sich formenden  digitalen pólis  der letzten 10-15 Jahre offenbar nicht gelungen ist bzw. gelingt, die Mittel ihrerselbst, die sie Zweifels ohne hätte, auch dafür zu verwenden, dass sie signifikant dazu beiträgt, zu versuchen, eben das Analphabetentum, im durchaus idealistisch zu sehenden Ansatz, auf die Quote Null zu bringen, lässt einen durchaus etwas in Ratlosigkeit zurück.

Setzen wir vielleicht doch ein wenig den Focus zu eng, zu speziell und vernachlässigen die Basis dessen, was man mit dem für mich vehement zu verteidigenden Humanismus einst mal als Selbtverständlichkeit verband, nämlich Attribute wie Toleranz, Gewissensfreiheit, Gewaltfreiheit und Würde. Ist es wirklich das Selbstverständis der Moderne, dass sie ihren Nachwuchs z.B. darauf trimmt, dass sie ihm (neue) Kernkompetenzen wie Handhabung von technischen Geräten (Pad-Computing, Smartphones, App-Computing, Clouding usw.) mehr als nahe legt und geradezu einfordert, dass dieses das neue (metaphysische) Mantra eines sich formenden Individuums werden soll. Ein i-Individuum in der i-Welt sozusagen.

Könnte es nicht sein, dass die (akademische) Moderne auch auf eine gewisse Art eine riesige Dotcom-Blase ist, da sie sich immer mehr von ihren einstigen Wurzeln, aus denen sie schließlich mal hervorgegangen ist, entfernt und deren anthropologisches Bodenreich, in welchem diese gewöhnlich Halt f(a/i)nden, gefühlt deutlich erodieren lässt?

Wäre es nicht denkbar, ja in Strenge fast schon nahe liegend, dass die traurige Entwicklung eines sich aus heutiger Perspektive leider nur noch als konstant steigend zu bezeichnenden Analphabetentums (u.a.) eine niemals hinzunehmende Kehrseite der Abwendung vom Humanismus mit seinen Werten ist? Können Neoliberalismus, Technokratie und, als Kehrseite der Medaille von gefühlt unendlicher Flexibilität und Anpassung, zunehmender Verzicht auf kulturelle Identität wirklich ein Gegenmodell zum Humanimsus bilden?

Ist es nicht würdelos genug, dass es in einer aufgeklärten Gesellschaft möglich ist, dass Abermillionen von Menschen nicht in dem Umfang am gesellschaftlichen Leben partizipieren können, wie es doch selbstverständlich sein sollte? Muss nicht konstatiert werden, dass Fragen der Toleranz sich teilweise auch ad absurdum führen, da innerhalb der  digitalen pólis  gerade diese immer mehr verdrängt wird – Menschen die Zweifel oder Skepsis an den digitalen Segnungen offenbaren werden nicht selten als per sé technikfeindlich oder schlicht nicht mehr zeitgemäß verortet. Setzt man sich wirklich noch gewissenhaft mit diesen Dingen und Zusammenhängen auseinander? Oder ist es nicht doch mehr die Huldigung einer Mode, die man, von verschiedenen (digitalen) Imperieren, versucht konformistisch zu etablieren?

Und wenn wir an dieser Stelle auf die Gruppe der Analphabeten blicken, die sich im Allgemeinen wie im Besonderen unzweifelhaft nur sehr eingeschränkt in gesellschaftliche Dialoge einbringen können, da diese meist Lese- und Schreibkompetenz erfordern, dann muss doch jedem klar werden, dass dies einfach nicht akzeptabel ist, dass dem so ist. Nicht nur, weil ethische und moralische Prinzipien dies gebieten, sondern vornehmlich deshalb, weil hier Potentiale von Menschen einfach so als inexistent gelten (müssen); und dies meist nur, weil diese nur unzureichend die Möglichkeit hatten, sich entsprechend ihrer mit Sicherheit zahlreich vorhandenen Ideen einbringen zu können.

Dieses Thema sollte künftig höher priorisiert werden und vielleicht gelingt es, in Zusammenarbeit mit meinen Kollegen hier im GnBK, auch etwas Sinnvolles in dieser Richtung zu initiieren. Es kann niemals im Interesse einer Gesellschaft sein, dass nicht geringe Teile ihrerselbst mehr oder weniger abgehängt sind. Mir ist gleichwohl bewusst, dass gerade auch das Urteil des Bundesfinanzhofs vom August diesen Jahres im Hinblick auf die Absetzbarkeit von Steuern für Ausbildungszwecke hier ein Meilenstein im negativen Sinne gesetzt hat, denn im Rahmen dieses Urteils wurde (auch) höchstrichterlich festgestellt, dass die (akademische) Ausbildung primär nicht mehr dazu da ist, um sich im Sinne des Humanismus zu bilden, sondern vornehmlich dem Zweck dient, entsprechend mehr Einkommen zu erzielen. Auf konnotativer Ebene erklärt der Staat ja damit auch, dass er sich nicht mehr primär dem Menschenbild des Humanismus als Bildungsziel verpflichtet sieht. Die neoliberalen Formen von Effizienzstudiengängen lassen hier grüßen.

Abschließend möchte ich noch einräumen, dass ich, während ich diese Zeilen hier verfasste, doch auch ein wenig nachdenklicher geworden bin, denn letztlich kann und darf es keinen  Grund dafür geben, dass Menschen nicht Lesen und Schreiben können. (Anm: ausgenommen sind unabänderbare Dispositionen eines Individuums) Auch wenn mir der Essay von Enzensberger aus 1985 im Gedächnis war, so habe auch ich mehr oder weniger ausgeblendet, dass gerade die letzten 20-30 Jahre u.a. dazu geführt haben, dass es zwar scheinbar immensen Fortschritt auf diversen Feldern gab, aber dass dieser einhergeht mit einem dramatischen Rückschritt auf eben einem Feld wie der Bekämpfung des Analphabetentums. Das digitale Zeitalter bringt also auch eine ganze Reihe von Herausforderungen mit sich, denen es sich zu stellen gilt…

Infos zu dieser Reprise:
Bullshit-Index:  0.18
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Angeblich verfasst im Schreibstil von:  Sigmund Freud
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Cyberabwehr ist nicht schwer

Liebe Hacker,
Freunde des gepflegten DoS,
Hibbelige Cybernauten,

ist es es nicht eine schnieke Sache, dass der Herr Friedrich, der neue starke Mann für innere und äußere Sicherheit die Bundesrepublik nun tatkräftig unterstüzt, indem er ihr ein neues, ganz wichtiges „Cyberabwehrzentrum“ geschenkt hat. Einfach so, ohne Aufwandsentschädigung durch den Steuerzahler? Er möchte damit ganz wichtig tun und bestimmt dem großer Bruder USA ein wenig nacheifern, denn dieser hat ja so ein Spielzeug schon etwas länger in seinen Regalen. Dass der Deutsche Staat, gemäß der Maxime der Gründlichkeit, hier etwas länger brauchte, um sich dazu durchzuringen, dass man sowas Schnuggeliges hier einführt, das können wir ja noch verschmerzen, aber dass er es eben NICHT gründlich tat, dies verärgert den Spielefreak hier etwas, dann das hätte doch nicht sein müssen, oder?

Worum geht’s? Im Digitalen Zeitalter ist es sicher kein schlechter Ansatz, dass man sich darum Gedanken macht, wie man bestimmte Dienstleistungen, die der Staat ja zunehmend „online“ anbietet bzw. anbieten will, in bezug auf Sicherheitsaspekte daraufhin überprüft, ob sie z.B. Daten, die im Rahmen dieses Anbietens von Dienstleistungen anfallen, angemessen schützen, d.h. dass niemand an sie „einfach so“ heran kommt; oder dass Ressourcen, die zunehmend auch dezentral via Internet gesteuert werden können und sollen, so geschützt sind, dass Manipulationen etc. zumindest äußerst schwierig sind. 100% Schutz gibt es nicht. Nirgends. Dies ist eine Chimäre, die immer wieder benutzt wird, um Stimmung zu machen oder Ängste zu schüren. Aber das nur am Rande.

Es ist also dem Grunde nach ein löblicher Ansatz, dass man hier Handlungsbedarf sieht. Die Dimension, die das Internet heute bereits hat und die Tatsache, dass immer wieder Cyber-Attacken in verschiedensten Ausprägungen in den Medien „präsent“ sind, sollte zumindest den Eindruck verstärken, dass es ein gewichtiges Thema wäre. Vielleicht gewichtiger als die Novellierung diverser Gesetze und Verordnungen. Dass dem nicht wirklich so ist, kann man aus der Struktur und dem Aufbau dieses neuen Gremiums schnell erkennen, denn es ist schlicht eines: Schicke Publicity! Man lasse sich das mal durch den Kopf gehen: Da arbeitet ein Gremium bestehend aus 10 Personen (Quelle: BSI) zzgl. vielleicht noch weiterer „Mitarbeiter“, die als Querschnittsaufgabe dann auch noch Cyberabwehr haben werden, an einem Projekt dieser Dimension! Für den Atomausstieg, für die PID, für die Reform der Bundeswehr usw, wurden Herrscharen von Kommissionen und Expertengremien eingerichtet und bemüht, die sich dieser -sicher nicht unwichtigen- Thematiken widmen können und konnten. Ausführlich. Aber für das Bedürfnis nach Sicherheit in bezug auf notwendige Ressourcen des Lebens, im Sinne dessen, dass sie ELEMENTAR sind, werden lächerliche 10 Hanseln abgestellt und ein kleines mediales Brimborium drum veranstaltet, in welchem Onkel Friedrich auch noch kühn erklärt, dass die Bedrohung schon „vor der Tür“ stände und die Wasser- und Stromversorgung besonders betroffen wäre? Wie bitte? Die Wasser- und Stromversorgung?

Sind mir entscheidende Novellierungen der Rechtslage aus dem Blick geraten, habe ich den Aufbau der Parallelwelt, in welcher der STAAT den Strom und das Wasser liefert, verpasst? Viele Wasserwerke, Stromanbieter (= Stadtwerke) etc. sind heute privatisiert, neudeutsch „outgesourct“. Wie will denn der Staat diesen gegenüber eine Wirkung haben? Es war doch Jahrzehnte lang Wunsch des Staates (via seiner Kommunen!), dass er eben alles auf Teufel komm raus privatisieren wollte, um Kosten einzusparen; die er dann anderenorts zwar oftmals unsinnig wieder zum Fenster raus warf, aber egal: Hauptsache wir können sagen, wir haben gespart. Und nun, nach dem großen Ausverkauf der letzten 20 Jahre, kommt der STAAT auf die Idee, er müssen eben dafür Sorge tragen, dass die Strom- und Wasserversorgung plötzlich gefährdet sei und man diese mittels Cyberabwehr schützen müssen? Es mag ja sein, dass man im Bundeskabinett denkt, der Bürger wäre etwas plüsch, aber so rosa denkt er nicht bzw. seine Liebe ist nicht so groß!

Also, welche Motive stecken tatsächlich hinter diesem Gremium der geballten Macht?

Der kurze Sommer der Anarchie

14. Juni 2011 1 Kommentar

Als Hans Magnus Enzensberger vor etwas mehr als 34 Jahren seinen Roman-Essay, oder wie auch immer man das Werk einordnen möchte (wer’s denn braucht) mit dem Titel dieses Beitrags hier veröffentlichte, und darin, anhand der Ereignisse in Spanien im Sommer 1936, (u.a.) über das Verhältnis von Wissenschaft und Politik, aber auch Kunst nachdachte, da war er, -wie tlw. auch noch heute- seiner Zeit mal wieder etwas voraus. Sowohl was das Genre der Betrachtungen zum Gegenstand hatte, als auch was das Ziel des Buches betraf.

Mir scheint, dass es mal wieder Zeit wäre, dieses Werk zu lesen; nicht nur, weil Teile der arabischen Welt im Umbruch sind, sondern auch, weil sich die Blicke auf die Dinge oftmals im Lauf der Zeit bekanntlich auch ändern bzw. erweitern. Zudem lässt sich, nomen est omen was die Bezeichnung dieses Ressorts hier betrifft, somit auch mal an einer kleinen Vorskizze verdeutlichen, dass die Bereiche Literatur, Kunst, Politik -und über alle am Himmel das Träumen- eben (auch) sehr eng miteinander zusammenhängen (können). Man denke beispielsweise daran, dass ja die Anarchie in gewisser Weise auch Parallelitäten zu einer dissipativen Gesellschaftstruktur hat, denn das „Ziel“ einer selbstbestimmten/ selbstverwalteten Gesellschaft ist ja soweit nicht von deren griechischen Wortstamm (= Herrschaftslosigkeit) entfernt; dass die konnotativen (= „übertragene“, „mitschwingende“) Bedeutungen hier auch andere sind und waren, mag sein. Hier wären wir nun wieder gleich beim Stichwort Semantiken und man könnte darüber in Exkurse verfallen, aber das Ministerium soll ja randständig seine Pforten offenhalten, so dass bestimmt noch lange Winter der Akkribie (des Aufarbeitens) hier kommen könnten.

Zudem habe ich aber nun auch mal gleich die Brücke zum Namen des Ministeriums schlagen können, denn wie man wohl nun vielleicht unerhörter Weise erkennt, kann man es getrost als (m)einen dissipativen Traum bezeichnen, dass man eben die dissipative Gesellschaft für eine spannende Option hält. Auch könnte man ja mal die Tatsache reflektieren, was denn das selbstbestimmte Träumen hier nun vielleicht metaphorisch/symbolistisch bedeuten könnte, denn qua status sind Träume ja nicht immer selbstbestimmt, weil das Unterbewusstsein hier oftmals eine mehr oder wenige gewichtige Rolle spielt bzw. spielen kann. Ein Schelm, wer hier an das Luzide denkt und vielleicht die Kunst zu Träumen nun auch -kohärent- ganz anders einordnen kann. Aber das sind, dies sei erwähnt, alles nur mögliche Lesarten; man muss und darf auch verwirren oder sich irren… Ich möchte nur verdeutlichen, dass der vielleicht etwas ungewöhnlich daherkommende Titel (im Sinne seiner Wortzusammensetzung) -trotz oder gerade wg. des langen Akronyms- dennoch durchdacht im Sinne der Vorstellungen ist, die ich von einer Gesellschaft habe. Dazu passend möchte ich abschliessend noch ein kleines Gedicht in den (Lebens)Raum stellen, um die vorgenannten Gedanken noch etwas zu illustrieren:

Befreiung von den großen Vorbildern
.
Kein Geringerer
als Leonardo da Vinci
lehrt uns
»Wer immer nur Autoritäten zitiert
macht zwar von seinem Gedächtnis Gebrauch
doch nicht
von seinem Verstand«
Prägt euch das endlich ein:
Mit Leonardo
los von den Autoritäten!
.
( Erich Fried )

Zwischenruf zu einem (Zeitgeist-)Manifest des Neoliberalismus

Es war im Oktober 2009, die Bundestagswahl zeitigte den Wechsel zu Schwarz-Gelb und damit die Fortsetzung der Regentschaft von Angela Merkel. Die FDP, mal wieder in einem leichten Aufwärtstrend, attestierte dem Land umgehend notwendige „große Veränderungen“ (Steuern, Steuern, Steuern runter), die hin zu einer Politik führen sollten, die etwas bewegen wollte und den Stillstand der Großen Koalition überwinden wollte. Teile des Sprachorgans des Neoliberalismus in Deutschland, bestehend aus CDU, CSU und FDP, konnten sich ans Werk machen und die „Leistungsträger“ dieses Landes, jene Menschen, die „maßgeblich“ zum Wohlstand beitragen, ins Visier ihres Handelns nehmen. Und in dieses Visier, dachte sich Professor, Medienphilosoph und Gastgeber des Philosophischen Fanals: „Ein Quartett erhellt die Welt“, Peter Sloterdijk wohl, müsse man nicht nur die Leistungsträger selbst nehmen, sondern man müsse, ganz dem Kern der Philosophie gemäß, das WESEN der Leistungsträger mal wieder neu definieren, neu bewerten und dazu aufrufen, dass diese doch das Fundament unserer Gesellschaft sind. Und wie macht man das? Klar, mit einem kleinem Manifest. Also ließ er sich nicht lumpen und gastierte als Autor für Cicero:

Aufbruch der Leistungsträger
von Peter Sloterdijk

Von Feigheit paralysiert

Seit dem frühen 18. Jahrhundert sind die Angehörigen europäischer Nationen bereit auszuprobieren, wohin es führt, wenn man sich selbst mit den Augen der anderen sieht. So hat Montesquieu in seinen Persischen Briefen von 1721 zwei Orientalen auf die Reise nach Westen geschickt, um ihren Landsleuten zu berichten, wie es mit den Sitten und Gebräuchen in den Ländern des Sonnenuntergangs bestellt ist. Es ist höchste Zeit, scheint mir, wieder einmal die Perser einzuladen, damit sie einen verfremdenden Blick auf die Zustände in unserem Land werfen. (…)

[ Das gesamte Manifest können Sie hier nachlesen.]


Wenn man sich das träumerische Manifest, das einen dumpfen Hauch von Zeitgeist (oder sollte es doch der Hegelsche Weltgeist sein; man weiß es nicht so genau, so brillant ist es) zu versprühen beansprucht, zu „Gemüte“ führt, erkennt man schnell, dass dies offenbar die Steilvorlage, ja das Drehbuch für die Politik von Schwarz-Gelb gewesen ist. Es ist frappierend, wie dezidiert hier z.B. die Agitation für die Leistungsträger als Auftrag formuliert ist; und dieser dann ja von der FDP auch prompt umgesetzt worden ist. Bei Sloterdijk liest sich das dann so:

» Die Liberalen haben zugleich die einfachste und die schwierigste Aufgabe vor sich. Als klare Gewinner der jüngsten Wahlen müssen sie im Umgang mit der Union demonstrieren, dass sie nicht vor lauter Erfolgsbegeisterung bereit sind, die Gründe ihres Erfolgs zu vergessen. Es ist ihre objektive Aufgabe, dafür zu sorgen, dass der Leistungsträgerkern der deutschen Population sich in Zukunft nicht nur fiskalisch stark mitgenommen fühlt, sondern sich endlich auch politisch, sozial und kulturell gewürdigt weiß. Es geht darum, eine neue Semantik zu schaffen, die den Leistungsträgern als Gebern Genugtuung verschafft. Eine solche Semantik setzt den Bruch mit der Mangelpflege voraus, sie verlangt eine Hinwendung zu einer wiedererwachenden Stolzkultur. Dazu gehört, dass man Freiheitsmotive wieder höher veranschlagt: Es entspräche liberaler Tradition, sich zu weigern, das Interesse an Sicherheit bis zur Erbärmlichkeit voranzutreiben. Zu dieser Entwicklung könnte auch Guido Westerwelle persönlich einiges beitragen, wenn es ihm gelingt, die Image-Passage vom alten Jüngling zum jungen Staatsmann zu bewältigen. Ein Schelm, wer ihm diese Metamorphose schwerer machen will als nötig. «


An diesen Ausführungen wird deutlich, dass es Sloterdijk um eine wirkliche Wende geht, um eine, um in seinem Sprachterminus zu bleiben, „politisch-psychologische“ Wende, die den verfahreren (Sprach)Karren endlich wieder aus den Dreck holt, die die Freiheitsideale wieder auf ein Plateau zu stellen vermag, das den originären Ansprüchen ihrer Semantiken auch wieder gerecht wird, die diese unsägliche „Lethargokratie“ in Deutschland, als ein Erbe der Politik Helmut Kohls, endlich beendet. Was Sloterdijk hier allerdings unter „liberaler Tradition“ versteht, wird nicht ganz klar, denn offenbar sind ihm die Zeiten ab 1989 nicht im Gedächtnis geblieben, denn für diese wird man ja kaum attestieren können, dass diese einen Kurs in Richtung „Sicherheit bis zur Erbämlichkeit“ aus Sicht der FDP spiegelten. Zudem: Es verbleibt im Vagen, ob er diese Tradition geschichtlich verortet und damit auf frühre Epochen abzielt, oder ob er dies auf die Liberalen in der Bundesrepublik seit 1945 bezieht. Aber sei’s drum.

In sublimen Anklängen kann man die Sprache, mit der die FDP diese Wende tatkräftig im politischen Tagesgeschehen zu etablieren versucht, z.B. bei Guido Westerwelle beständig nachlesen. Ende August 2010, also knapp 1 Jahr nach dem Regierungswechsel und in Strenge noch (oder gerade während, weil die Tendenzen für Griechenland, Irland, Portugal u.a. hier schon erkennbar waren) zu Zeiten der Finanzkrise sagt er in einer Rede anlässlich der Feierlichkeiten zu 20 Jahren gesamtdeutscher FDP:

» Wir Liberale haben ein Gesellschaftsbild: Wir vertrauen zuerst auf die Kraft der Bürger, und setzen erst dann auf den Staat. Das ist in diesen Zeiten der Hilfs- und Konjunkturprogramme, der Staatsinterventionen und etatistischer Tendenzen eine unbequeme, weil fordernde Botschaft. Freiheit wollen alle. Aber wollen auch alle die Verantwortung, die untrennbar mit der Freiheit verbunden ist?

Entstaatlichen ist politisch schwieriger als Verstaatlichen. Subventionen zu verteilen ist leichter als Subventionen zu streichen. Und trotzdem haben wir das Geld der deutschen Steuerzahler von einem amerikanischen Automobilkonzern zurückgeholt.

Der Liberalismus ist ein politisches Programm, ist eine Freiheitsidee, ist ein Zukunftsentwurf, ist eine Haltung. Der Liberalismus ist ein Lebensgefühl. Leistungsbereitschaft, Weltoffenheit und Toleranz, das ist die gelebte Freiheit zur Verantwortung, die wir meinen. «

( Quelle:  vgl. hier )


Deutlicher fallen die Schnittmengen zu Sloterdijks kleinem Manifest indes in einer Rede vom Anfang des Jahres 2011 auf. Anlässlich des Dreikönigstreffens in Stuttgart liest sich das dann z.B. so:

» Es steht jeder Gesellschaft gut an, sich von Zeit zu Zeit selbst zu prüfen, wie zukunftstauglich sie ist. Das ist es, was ich mit der geistig-politischen Wende meine. Es gibt drei Tendenzen, denen wir Liberale uns entgegenstellen müssen.

1. Die Verweigerung der Zukunft

Für frühere Generationen war es selbstverständlich sich anzustrengen, damit es den Kindern einmal besser geht. Heute meinen manche, so wie es ist, kann es bleiben. Stillstand wäre auch ganz gut. Aber in der Globalisierung ist Stillstand Rückschritt.

Es gibt zwei Kräfte, die den Weg von Gesellschaften bestimmen: Furcht und Hoffnung.Viele politische Kräfte schüren die Furcht: Das Neue kennt man nicht. Was man nicht kennt, versteht man womöglich auch nicht. Was man nicht versteht, ist bestimmt gefährlich. Und dann gibt es die Kräfte, zu denen wir Liberale zählen. Wir setzen auf die Zuversicht. Die FDP ist eine optimistische, lebensbejahende politische Kraft.

2. Die Wiederkehr der Staatsgläubigkeit

In Zeiten, die unsicher erscheinen, sehen viele den Staat als vermeintlich sicheren Anker. Jedem neuen Problem wird eine staatliche Antwort gegeben.

Gerade die Wirtschafts- und Finanzkrise hat bei manch einem die Illusion genährt, mit immer neuen staatlichen Antworten, mit immer mehr Staat, könne man die Dinge wieder ins Lot bringen. Ich hatte kürzlich eine Diskussion mit Oskar Lafontaine. Er schlägt als Lösung für die Bankenkrise die Verstaatlichung der Banken vor. Dabei waren es doch gerade Landesbanken, die bei riskanten Spekulationen keinerlei Hemmungen kannten. Und was soll man bei Staatsbanken noch verstaatlichen?

Dieser Tendenz zur Verstaatlichung müssen wir eine vernünftige Balance von Staatlichkeit und Gesellschaft entgegensetzen. Nicht in dem Sinne, dass wir einen schwachen Staat wollen. Wir Liberale wollen einen starken Staat, aber stark ist der Staat, der sich auf seine Kernaufgaben konzentriert.

3. Die Renationalisierung der Ansichten

Die Globalisierung fordert uns. Die Geschwindigkeit der Veränderung ist eine Belastung für viele Menschen. Aber kann unsere Antwort darauf sein, uns zurück zu ziehen? Wäre uns damit gedient, wenn wir uns abschotten? Das Gegenteil ist richtig. Wir müssen ein weltoffenes Land bleiben. (…)

Da gab es im vergangenen Jahr ein Buch über die Probleme der Migration hier bei uns. Die Aufregung war groß, die Urteile waren schnell gefällt. Ich habe damals für die Freien Demokraten erklärt:

Wir teilen vieles nicht, was da gesagt wird, insbesondere bestimmte Gentheorien. Aber ein solches Buch muss die Republik ertragen können. Das gehört zur Meinungsfreiheit. Wir stehen für aktive Toleranz, die im Anderssein und Andersdenken der Mitmenschen eine persönliche Bereicherung erkennt. Und wir stehen zur Unverrückbarkeit unserer Werte. Wir stellen die deutsche Sprache ins Zentrum der Integration. Die Teilhabe an unserer Gesellschaft ist nur demjenigen möglich, der Deutsch spricht. Das setzen wir praktisch um und bauen den vorschulischen Bereich aus. Wir investieren in die Qualifikation unserer Erzieherinnen und Erzieher, damit die Sprachförderung früher einsetzt. Es ist unser Ziel, dass alle Kinder bei ihrer Einschulung Deutsch sprechen.

Wer dauerhaft in Deutschland leben will, muss die deutsche Sprache lernen und die Regeln des Zusammenlebens akzeptieren, so wie es unsere Verfassung vorsieht. Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit und Pressefreiheit sind die liberalen Werte unseres Grundgesetzes. Sie gelten überall, sie sind universell. «

( Quelle:  vgl. hier )

Unverkennbar, dass das, was Sloterdijk skizziert hatte, hier von Westerwelle sichtbar und transparent rezipiert bzw. umgesetzt worden ist. Die „geistig-politische“ Wende als Äquivalent zur „politisch-psychologischen“. Das Motiv der Verweigerung der Zukunft spielt u.a. auf die von S. attestierte Lethargokratie an, die in Deutschland derzeit herrschen würde. Das Motiv der Wiederkehr der Staatsgläubigkeit rekurriert u.a. auf die von S. unterstellte These des „Semi-Sozialismus“. Die Ausführungen zu Punkt 3 sind fast selbstsprechend. Westerwelle sieht -trotz der tlw. rhetorischen Distanzierung- in Sarrazin wohl einen kassandrischen Überbringer von Botschaften, denen man sich nicht verschliessen dürfe. Ernüchternd und fast schon etwas grotesk hierbei ist, dass ins Zentrum der Integration, ganz unverblümt, die SPRACHE gestellt werden soll. Zur Erinnerung: Es geht im Kontext um das Entgegenstellen zu einer Tendenz zur Renationalisierung von Ansichten. Warum argumentiert Westerwelle dann hier derartig? Nichts spräche gegen einen Aspekt, der auch auf Sprache abzielt, wenn es um Integration geht, aber dies als Kern des Handelns zu sehen, erscheint doch ein wenig arg vereinfachend. Im Schlusssatz rekurriert W. dann wieder auf die von S. geforderte Rückkehr zu originären Semantiken der Freiheitsideale; da diese ebenso universell einsetzbar sind schliesst sich hier wohl dann der Kreis.

Wir machen an dieser Stelle einen Sprung, da das Jahr 2011 bekanntlich einige kleine Überraschungen bereit hielt, was die Sicht auf die FDP und damit dem (u.a.) ausführenden Organ im Sloterdijkschen Sinne der Beauftragung innerhalb des Manifests betrifft. Die Ära Westerwelle neigt sich dem Ende zu und man könnte geneigt sein, den nun fast 2 Jahren währenden Versuch, vornehmlich mittels neuer Sprache/Semantiken, die beschwörte „politisch-geistige“ Wende zu erreichen, als (irgendwie) gescheitert anzusehen. Aber weit gefehlt, denn die Organe des Neoliberalimus arbeiten unermüdlich an ihrer Vision, dass der Siegeszug desselbigen Europa in Gänze beglückt, dass die Vulgärökonomie ihre hässlichen Spielarten auch weiterhin auf dem Rücken von Menschen austragen kann, die nicht zu den eingangs adressierten „Leistungsträgern“ gerechnet werden können; natürlich nur aus dem Blickwinkel dieser Apologeten des Mammons betrachtet. Also, wie steht es um die „Junge Garde“, die sich aus Rösler, Lindner, Bahr & Co. speist und nun das Zepter in der FDP in der Hand zu haben scheint?

Schlecht, sehr schlecht steht es um diese Garde, um es gleich vorweg zu nehmen, denn die (geistigen) Kinder der Ära Westerwelle sind kontaminiert mit einem Gedankengut, welches dem Neoliberalismus nicht nur deutliche Avancen macht, sondern welches eine Verschärfung im politischen Handeln erahnen lässt, die man diesen smarten, im netten Schwiegersohn-Image daherkommenden Youngstern doch so gar nicht zutrauen würde. Mittels einer fast schon als subversiv zu bezeichnenden Taktik und Imagepflege versuchen die neuen 3 Könige gleich einen Schritt weiter zu gehen und möchten die Transformation der gesamten FDP hin zum Zentralorgan des Neoliberalen Unwesens stilisieren; denn einen Gegenkurs innerhalb der Liberalen, was die neue Ausrichtung im alten Gewand anbelangt, konnte man nicht wirklich ausmachen.

Das Ausmaß dieser angestrebten Transformation wird in einem Spot der jungen Liberalen, denen Philipp Rösler nach wie vor mehr als verbunden ist, mehr als deutlich. Hier kann man die Dimension des kontaminierten Gedankenguts mehr als erkennen und es kommt ein leichtes Gefühl von Beklemmung auf, wenn man diesen nur etwas mehr als 1 Minute dauernden Clip auf sich wirken lässt. Schon der Titel, den man in der Rückschau auf die etwa 1 Jahr später(!) über das Land fegende Sarazzin-Debatte fast als prophetisch bezeichnen könnte, ist ein Armutszeugnis sondersgleichen, denn der gekünstelte Versuch, hier mittels ironischer Brechung noch ein wenig Pep in die Sache zu bringen, ist einfach nur grotesk…



Die junge Garde der neuen FDP beschreitet damit letztlich einen Weg, der für Kontinuität im reaktionären Denken steht, der eine Ära am Leben erhalten will, die schon viel zu lange ihr Unwesen in Deutschland, Europa und der Welt treibt: Jene des Denkmusters, dass Leistung unmittelbar etwas damit zu tun hätte, welchen max. zu erzielenden Ertrag man aus ihr ableiten kann, dass Leistung im Prinzip ein Synomym für Wohlstand wäre. Was man an Kraft einspart, muss man an Weg zusetzen, so eine eherne Maxime der Physik; getreu dieser spart die neue FDP die Denkkraft ein und versucht sich darin, ein Bild im medialen Gedächtnis zu verankern, dass es einen hippen Schick hat, wenn man den Weg gemütlich entlang schlendert, auch wenn er etwas länger geworden ist. Man kann ja dadurch soviel anderers sehen und wahrnehmen und sich ganz dem Träumen widmen, dass es fast schon wieder wie eine Vision anmutet, dass nun Daniel Bahr, vormals Staatsektretär im Ressort von Philipp Rösler, der neue Minister für Gesundheit ist; denn dieser ist ein langer Wegbe(sch)reiter der politischen Traditionslinie von „Geistung muss sich wieder lohnen!“ und damit ausgewiesener Kenner der Theorie des bewährten Übergangs.

» Unsere Gesundheitspolitik steht für langfristige Perspektiven. Deshalb werde ich die Gesundheits- und Pflegepolitik in bewährter Weise fortführen. «

Zur weiterführenden Beschäftigung mit den Aspekten Leistungsträger bzw. Leistungsprinzipien, die ja -qua status wohl immanent- immer wieder mal mehr oder weniger stark im Fokus kapitalistischer Gesellschaften stehen, kann vielleicht nachfolgende Quellen hilfreich sein: »Leistung« in der Marktgesellschaft: Erosion eines Deutungsmusters?