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Lob des Analphabetentums (Reprise)

19. Dezember 2011 Hinterlasse einen Kommentar
Als ich heute morgen während der (digitalen) Zeitungslektüre auf einen Artikel stieß, der von einem Arbeiter im Hamburger Hafen berichtete und für den es ein riesiges Problem ist, dass er befördert werden soll, da schoss es mir wieder durch den Kopf: Es gibt, nicht nur in unserem Land, eine nicht unerhebliche Anzahl von Menschen, denen es nicht vergönnt ist, die scheinbar selbstverständlichen Techniken des Lesens und Schreibens so zu beherrschen, als dass man sagen könnte, sie können „normal“ Lesen und Schreiben; ergo spricht man bei diesen Menschen davon, dass sie funktionale Analphabeten sind. Laut einer Studie der Universität Hamburg betrifft dies in Deutschland ca. 7,5 Millionen Menschen (Altersgruppe 18-64). Auf den ersten Blick dachte ich, dass dies ein Tippfehler im Artikel wäre – es können doch unmöglich so viele sein. Wenn man sich in diesem Kontext dann noch vergegenwärtigt, welche Altersstruktur wir in Deutschland derzeit haben, dann beschleicht einen doch ein leichtes Gefühl der Beklemmung, denn diese Altersgruppe macht „nur“ ca. 50-55% der Gesamtbevölkerung aus. Für die andere Hälfte steht zu vermuten, dass hier ein nicht minder geringer Anteil ausgemacht werden muss. Ein Gesamtanteil von 11-13 Millionen (die Altersgruppe 0-10 habe ich hierbei ausgeklammert) dürfte man also als realistisch annehmen. Also ca. jeder 7. Mensch in Deutschland kann nicht ausreichend Lesen und Schreiben.

« Noch größer ist die Gruppe derjenigen, die zwar lesen und schreiben können – aber allenfalls auf Grundschulniveau. ‚Diese Menschen können vielleicht eine Boulevard-Zeitung lesen. Sie drücken sich aber so weit wie möglich darum, irgendetwas schreiben zu müssen‘, erklärt Ute Koopmann, Vorsitzende des Arbeitskreises Grundbildung beim Deutschen Volkshochschul-Verband. »

Dass Hans Magnus Enzensberger im Jahr 1985 einen Essay mit dem Titel dieses Beitrags hier schrieb, ist nun auch schon wieder mehr als ein viertel Jahrhundert her, aber wenn man es recht bedenkt, dann ist dieses -für viele sicher eher nebensächliche- Thema aktueller denn je – mehr noch: es müsste im Streben nach einer  digitalen pólis  zur einem der Kernthemen werden, denn im digitalen Raum dürfte es noch problematischer sein, wenn jemand nicht ausreichend Lesen und Schreiben kann. Das partizipatorische Element des Individuums in der Moderne ist unzweifelhaft mit diesen Kernkompetenzen verknüpft und steht und fällt mit diesen.

An dieser Stelle reflektiere ich gerade nochmals, dass Enzensberger in seinem Essay damals schrieb, dass die Gruppe der Analphabeten ja nie präsent ist, dass sie nie zur Stelle ist, wenn man von ihr (wie jetzt hier gerade auch) redet bzw. schreibt. Wie recht er doch hat(te) – und leider eben mehr denn je. Die Moderne scheint vom Imperativ  Digital  derart verblendet, dass sich -im Prinzip als (zynisches) Paradoxon- die Gruppe der Analphabeten in der (hochentwickelten) Moderne eben nicht verkleinert, sondern vergrößert hat. Weltweit wird der hehre Siegeszug des Digitalen von „Revolution“ zu „Revolution“ gefeiert und als Aushängeschild für den menschlichen Fortschritt mehr als gern und blumig bemüht. Dass es der sich formenden  digitalen pólis  der letzten 10-15 Jahre offenbar nicht gelungen ist bzw. gelingt, die Mittel ihrerselbst, die sie Zweifels ohne hätte, auch dafür zu verwenden, dass sie signifikant dazu beiträgt, zu versuchen, eben das Analphabetentum, im durchaus idealistisch zu sehenden Ansatz, auf die Quote Null zu bringen, lässt einen durchaus etwas in Ratlosigkeit zurück.

Setzen wir vielleicht doch ein wenig den Focus zu eng, zu speziell und vernachlässigen die Basis dessen, was man mit dem für mich vehement zu verteidigenden Humanismus einst mal als Selbtverständlichkeit verband, nämlich Attribute wie Toleranz, Gewissensfreiheit, Gewaltfreiheit und Würde. Ist es wirklich das Selbstverständis der Moderne, dass sie ihren Nachwuchs z.B. darauf trimmt, dass sie ihm (neue) Kernkompetenzen wie Handhabung von technischen Geräten (Pad-Computing, Smartphones, App-Computing, Clouding usw.) mehr als nahe legt und geradezu einfordert, dass dieses das neue (metaphysische) Mantra eines sich formenden Individuums werden soll. Ein i-Individuum in der i-Welt sozusagen.

Könnte es nicht sein, dass die (akademische) Moderne auch auf eine gewisse Art eine riesige Dotcom-Blase ist, da sie sich immer mehr von ihren einstigen Wurzeln, aus denen sie schließlich mal hervorgegangen ist, entfernt und deren anthropologisches Bodenreich, in welchem diese gewöhnlich Halt f(a/i)nden, gefühlt deutlich erodieren lässt?

Wäre es nicht denkbar, ja in Strenge fast schon nahe liegend, dass die traurige Entwicklung eines sich aus heutiger Perspektive leider nur noch als konstant steigend zu bezeichnenden Analphabetentums (u.a.) eine niemals hinzunehmende Kehrseite der Abwendung vom Humanismus mit seinen Werten ist? Können Neoliberalismus, Technokratie und, als Kehrseite der Medaille von gefühlt unendlicher Flexibilität und Anpassung, zunehmender Verzicht auf kulturelle Identität wirklich ein Gegenmodell zum Humanimsus bilden?

Ist es nicht würdelos genug, dass es in einer aufgeklärten Gesellschaft möglich ist, dass Abermillionen von Menschen nicht in dem Umfang am gesellschaftlichen Leben partizipieren können, wie es doch selbstverständlich sein sollte? Muss nicht konstatiert werden, dass Fragen der Toleranz sich teilweise auch ad absurdum führen, da innerhalb der  digitalen pólis  gerade diese immer mehr verdrängt wird – Menschen die Zweifel oder Skepsis an den digitalen Segnungen offenbaren werden nicht selten als per sé technikfeindlich oder schlicht nicht mehr zeitgemäß verortet. Setzt man sich wirklich noch gewissenhaft mit diesen Dingen und Zusammenhängen auseinander? Oder ist es nicht doch mehr die Huldigung einer Mode, die man, von verschiedenen (digitalen) Imperieren, versucht konformistisch zu etablieren?

Und wenn wir an dieser Stelle auf die Gruppe der Analphabeten blicken, die sich im Allgemeinen wie im Besonderen unzweifelhaft nur sehr eingeschränkt in gesellschaftliche Dialoge einbringen können, da diese meist Lese- und Schreibkompetenz erfordern, dann muss doch jedem klar werden, dass dies einfach nicht akzeptabel ist, dass dem so ist. Nicht nur, weil ethische und moralische Prinzipien dies gebieten, sondern vornehmlich deshalb, weil hier Potentiale von Menschen einfach so als inexistent gelten (müssen); und dies meist nur, weil diese nur unzureichend die Möglichkeit hatten, sich entsprechend ihrer mit Sicherheit zahlreich vorhandenen Ideen einbringen zu können.

Dieses Thema sollte künftig höher priorisiert werden und vielleicht gelingt es, in Zusammenarbeit mit meinen Kollegen hier im GnBK, auch etwas Sinnvolles in dieser Richtung zu initiieren. Es kann niemals im Interesse einer Gesellschaft sein, dass nicht geringe Teile ihrerselbst mehr oder weniger abgehängt sind. Mir ist gleichwohl bewusst, dass gerade auch das Urteil des Bundesfinanzhofs vom August diesen Jahres im Hinblick auf die Absetzbarkeit von Steuern für Ausbildungszwecke hier ein Meilenstein im negativen Sinne gesetzt hat, denn im Rahmen dieses Urteils wurde (auch) höchstrichterlich festgestellt, dass die (akademische) Ausbildung primär nicht mehr dazu da ist, um sich im Sinne des Humanismus zu bilden, sondern vornehmlich dem Zweck dient, entsprechend mehr Einkommen zu erzielen. Auf konnotativer Ebene erklärt der Staat ja damit auch, dass er sich nicht mehr primär dem Menschenbild des Humanismus als Bildungsziel verpflichtet sieht. Die neoliberalen Formen von Effizienzstudiengängen lassen hier grüßen.

Abschließend möchte ich noch einräumen, dass ich, während ich diese Zeilen hier verfasste, doch auch ein wenig nachdenklicher geworden bin, denn letztlich kann und darf es keinen  Grund dafür geben, dass Menschen nicht Lesen und Schreiben können. (Anm: ausgenommen sind unabänderbare Dispositionen eines Individuums) Auch wenn mir der Essay von Enzensberger aus 1985 im Gedächnis war, so habe auch ich mehr oder weniger ausgeblendet, dass gerade die letzten 20-30 Jahre u.a. dazu geführt haben, dass es zwar scheinbar immensen Fortschritt auf diversen Feldern gab, aber dass dieser einhergeht mit einem dramatischen Rückschritt auf eben einem Feld wie der Bekämpfung des Analphabetentums. Das digitale Zeitalter bringt also auch eine ganze Reihe von Herausforderungen mit sich, denen es sich zu stellen gilt…

Infos zu dieser Reprise:
Bullshit-Index:  0.18
( http://www.blablameter.de )
Angeblich verfasst im Schreibstil von:  Sigmund Freud
( http://www.faz.net/f30/aktuell/WriteLike.aspx )
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Der kurze Sommer der Anarchie

14. Juni 2011 1 Kommentar

Als Hans Magnus Enzensberger vor etwas mehr als 34 Jahren seinen Roman-Essay, oder wie auch immer man das Werk einordnen möchte (wer’s denn braucht) mit dem Titel dieses Beitrags hier veröffentlichte, und darin, anhand der Ereignisse in Spanien im Sommer 1936, (u.a.) über das Verhältnis von Wissenschaft und Politik, aber auch Kunst nachdachte, da war er, -wie tlw. auch noch heute- seiner Zeit mal wieder etwas voraus. Sowohl was das Genre der Betrachtungen zum Gegenstand hatte, als auch was das Ziel des Buches betraf.

Mir scheint, dass es mal wieder Zeit wäre, dieses Werk zu lesen; nicht nur, weil Teile der arabischen Welt im Umbruch sind, sondern auch, weil sich die Blicke auf die Dinge oftmals im Lauf der Zeit bekanntlich auch ändern bzw. erweitern. Zudem lässt sich, nomen est omen was die Bezeichnung dieses Ressorts hier betrifft, somit auch mal an einer kleinen Vorskizze verdeutlichen, dass die Bereiche Literatur, Kunst, Politik -und über alle am Himmel das Träumen- eben (auch) sehr eng miteinander zusammenhängen (können). Man denke beispielsweise daran, dass ja die Anarchie in gewisser Weise auch Parallelitäten zu einer dissipativen Gesellschaftstruktur hat, denn das „Ziel“ einer selbstbestimmten/ selbstverwalteten Gesellschaft ist ja soweit nicht von deren griechischen Wortstamm (= Herrschaftslosigkeit) entfernt; dass die konnotativen (= „übertragene“, „mitschwingende“) Bedeutungen hier auch andere sind und waren, mag sein. Hier wären wir nun wieder gleich beim Stichwort Semantiken und man könnte darüber in Exkurse verfallen, aber das Ministerium soll ja randständig seine Pforten offenhalten, so dass bestimmt noch lange Winter der Akkribie (des Aufarbeitens) hier kommen könnten.

Zudem habe ich aber nun auch mal gleich die Brücke zum Namen des Ministeriums schlagen können, denn wie man wohl nun vielleicht unerhörter Weise erkennt, kann man es getrost als (m)einen dissipativen Traum bezeichnen, dass man eben die dissipative Gesellschaft für eine spannende Option hält. Auch könnte man ja mal die Tatsache reflektieren, was denn das selbstbestimmte Träumen hier nun vielleicht metaphorisch/symbolistisch bedeuten könnte, denn qua status sind Träume ja nicht immer selbstbestimmt, weil das Unterbewusstsein hier oftmals eine mehr oder wenige gewichtige Rolle spielt bzw. spielen kann. Ein Schelm, wer hier an das Luzide denkt und vielleicht die Kunst zu Träumen nun auch -kohärent- ganz anders einordnen kann. Aber das sind, dies sei erwähnt, alles nur mögliche Lesarten; man muss und darf auch verwirren oder sich irren… Ich möchte nur verdeutlichen, dass der vielleicht etwas ungewöhnlich daherkommende Titel (im Sinne seiner Wortzusammensetzung) -trotz oder gerade wg. des langen Akronyms- dennoch durchdacht im Sinne der Vorstellungen ist, die ich von einer Gesellschaft habe. Dazu passend möchte ich abschliessend noch ein kleines Gedicht in den (Lebens)Raum stellen, um die vorgenannten Gedanken noch etwas zu illustrieren:

Befreiung von den großen Vorbildern
.
Kein Geringerer
als Leonardo da Vinci
lehrt uns
»Wer immer nur Autoritäten zitiert
macht zwar von seinem Gedächtnis Gebrauch
doch nicht
von seinem Verstand«
Prägt euch das endlich ein:
Mit Leonardo
los von den Autoritäten!
.
( Erich Fried )