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Archive for the ‘Wladimir Putin’ Category

Das Politbüro bittet zu Tisch

Aus der lupenreinen Demokratur ist derzeit zu vernehmen, dass Wladimir Putin mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wieder die Rolle des Präsidenten mimen darf. Es ginge nur noch darum, mit welchem Ergebnis er die Wahl gewinnen würde. Dieses Bild wird in vielen Medien Europas, darunter auch deutschen, derzeit skizziert. Ob diese Aussicht tatsächlich das spiegelt, was in Russland gedacht und gefühlt wird, kann ich leider nicht beurteilen, da mir dafür (leider) die Basis an Informationen fehlt, aber die Tatsache, dass im größten Land der Welt der Sieger einer Wahl bereits vorher festzustehen scheint, wirft in mir ein winziges Gedankenexperiment an:  Wie wäre es, wenn sagen wir mal im Herbst diesen Jahres feststehen würde, dass Bundeskanzlerin Dr. Merkel als Siegerin der Bundestagswahl 2013 bereits feststehen würde und es in den kommenden Tagungen des (Öffentlichkeit herstellenden) Politibüros nur noch darum ginge, wie stark und mit welchen Mitteln sie ihren Rivalen von der SPD deklassieren wird. (Anm: Über einen anderen Gegenkandidaten braucht man sich in D gewiss keine Sorgen zu machen; der gemeine Deutsche liebt die duale Beständigkeit über alles.)
Das Politbüro, das hier tagt, soll dabei mal so verortet werden, dass es Schönbergs 12-Ton-Musik orchestral abbildet; der Transparenz halber werden nachfolgend die Töne noch visualisiert:
Wir ergänzen noch um SPIEGEL und STERN – fertig ist unser modernes, politisches Ensemble.

Dass dieses Gremium dazu in der Lage ist, harmonische Klänge zu erzeugen, sollte bekannt sein, wenngleich auch stark dissonante Einzeltöne durchaus immer wieder ihren Reiz haben. Nein, mehr noch, sie hauchen dem Ensemble erst die Wärme ein, die es bedarf, um mit dem inneren Klingen in Kontakt zu treten. Aber dies sei nur am Rande erwähnt.

Also, wir haben mal wieder Herbst in Deutschland. Leicht stürmisch, aber dennoch entspannt ist die Lage im Volk. Ein paar Scharmützel aus dem Sommer werden noch hier und da  diskutiert, verarbeitet und verdrängt. Das Medium mit der größten Reichweite, das Fernsehen, lässt über seine Münder kolportieren, dass das Politbüro (PB) der Deutschland AG wieder seine Arbeit aufgenommen hat; wie meistens in den kälteren Monaten des Jahres. Kurz darauf wird öffentlich, dass das PB einstimmig beschlossen hat, dass Dr. Angela Merkel als Siegerin aus der Bundestagswahl 2013 hervorgehen wird. Es gäbe keinen Zweifel mehr an ihrem Sieg, da ihre Macht unerschütterlich sei.

In der Folge werden reihenweise Konzerte des Politbüros in den deutschen Landen abgehalten, um die Nähe zum Volk zu wahren. Diese werden frenetisch vom Publikum gefeiert. Während man in Bayern das Ohr besonders für die rechtsschwingenden Melodien spitzt, wird im Osten eher den linksdrehenden Sätzen des Stücks gelauscht. Die Völker des Nordens lieben das Understatement der mittleren Töne und die Overtüre besonders. Westlich wird einfach in rheinischer Tradition das Humorige und das Groteske im Stück aufgesogen; dafür wird auch mal in den Kirchen der katholischen Schiefebene ein Spectaculum a’la „Gospel mit dem Politbüro“ ins Leben gerufen. Das Land ist in Aufregung; es wird gelacht, getanzt und debattiert.

Viele sagen, dass sie zwar nicht so ganz zufrieden damit wären, dass die Frau Doktor noch mal ans Ruder käme, aber man müsse ja schließlich die Meinung der Mehrheit akzeptieren. Und wenn die Lage so klar wäre, dann bliebe ja keine andere Wahl. Anderen meinten, dass sie dies für ein abgekartertes Spiel des PB hielten und verwiesen darauf, dass dies doch in Russland auch schon so gelaufen wäre. Aber da Deutschland nun mal abhängig von Diversem wäre, wäre es wohl nicht anders möglich. Man könne damit letztlich leben, denn ihnen ginge es ja noch relativ gut. Wieder andere sagten, dass sie der ganze Zirkus eigentlich nicht mehr interessieren würde. Erinnert wurde zwar auch, dass es mal, z.B. Anfang des Jahres, zahlreiche Bürger gab, denen es nach Veränderung trachtete, aber diese sind mehr oder weniger verschwunden. Die Krisen der letzten Jahre haben offenbar ihre Spuren hinterlassen.

Irgendwie ertappe ich mich dabei, wie ich darüber nachdenke, dass es gar nicht so abwegig ist, dass diese Projektion Realität werden könnte. Nicht nur, weil sich die PBs dieser Welt immer besser in Szene zu setzen vermögen, sondern auch, weil die neuen, sich gerade erst formierenden PBs (-> WEB) in meiner Wahrnehmung in ihren Entwicklungen etwas fehl laufen – in ihren Wirkungen, ihren sich verfestigenden Kommunikationsmustern. Sie treten z.B. nicht selten nur als Reflex auf prozessuale Entwicklungen auf, anstatt diese inhaltlich und systematisch auszuleuchten (-> wird meist mit der Flosskel „komplexe Systeme und Zusammenhänge“ begründet) oder sie erzeugen -durch ihre „Echtzeit“- Erregungszustände, oder sie spiegeln Realitäten oft auch nur aus den Blickwinkeln, aus denen die bisherigen PBs ihre Concertos gewöhnlich anstimmen. Das sind nicht unbedingt Gewinne für die Kultur eines demokratischen Partizipierens.

Last, but not least, sollte noch erwähnt werden, dass die momentan in den USA stattfindenden Pre-Elections ebenfalls etwas davon haben, was man in Russland als mehr oder weniger gesetzte Realität betrachten kann/könnte: Das (scheinbare, gesicherte) Feststehen von Siegern bei Wahlen lange vor der eigentlichen Wahl. Wer die Berichterstattung dort verfolgt, der sieht gewiss (auch) Parallelen zu Russland. Insofern sind sich lupenreine Demokratur und superfeine Milikratur in einigen Aspekten gar nicht so unähnlich. So, nun trinke ich aber erst mal einen Tee und gehe dann spazieren im Schnee – oder vice versa.

Infos zu dieser Glosse:
Bullshit-Index:  0.13
( http://www.blablameter.de )
Angeblich verfasst im Schreibstil von:  Sigmund Freud
( http://www.faz.net/f30/aktuell/WriteLike.aspx )
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